10. Juli 2011

Feiern kann man so und so...

Der Saal war wunderbar: Geschnitztes Holz an Decke und Wänden, dazu ringsrum gemalte Bilder des Hochzeitsumzuges von 1475. Draußen Bilderbuchwetter, besonnte Altstadt, Markt am Samstagmorgen.
Ja, es sollten 78 LehrerInnen aus ganz Bayern in Landshut geehrt werden, die sich um die Kooperation zwischen Förderschulen und Regelschulen verdient gemacht haben. "Brückenbauerinnen" wurden sie genannt.
Nun kann man ja Brücken nur bauen, wenn genügend gutes Baumaterial vorhanden ist. Die einfachste Brücke ist die aus Prügeln (gemeint sind hier Äste und kleine Baumstämme; nein, nein, nicht die zwischen die Beine geworfenen) gebaute, die Sümpfe und andere Feuchtgebiete leichter überqueren läßt. Dann gibt es bekanntlich Holzbrücken, Steinbrücken, Stahlbrücken, aufgehängte oder auf Brückenpfeilern sitzende, Betonbrücken, Klappbrücken, Hub- und Drehbrücken usw.
(Für Interessierte: http://de.wikipedia.org/wiki/Brücke)
Je nach Materialressourcen entstehen kleinere Brücken oder riesige moderne Bauwerke.
Da musste ich natürlich darüber nachdenken, welcher Art denn unsere Brücke zur Förderschule ist. Seit mehr als 8 Jahren werden Förderschüler in sog. Kooperationsklassen innerhalb von zwei Jahren in die Hauptschule integriert, mit großem Erfolg: Alle erreichen den Hauptschulabschluss, die meisten sogar den Quali.
Nicht schlecht, stabil gebaut.
Aber da höre ich, dass eine Schule in Schwaben doppelt so viele Kooperationsstunden (=Lehrkraft der Förderschule) bekommt wie wir in Oberbayern.
Wie kommt es dann, dass wir trotzdem so gute Ergebnisse haben? Sollte es wieder einmal daran liegen, dass unsere Lehrerinnen und die Lehrerin der Förderschule mit ganzem Herzblut, mit doppeltem Krafteinsatz arbeiten?
Ich höre auch die offiziellen Vertreter der Politik reden, aus Landshut, vom Bezirk Niederbayern, aus dem KM. Alle loben sich. Kein Wort von den Kürzungen, Schwierigkeiten und Einsparungen in diesem Bereich. Vielleicht sind auch deswegen so viele kirchliche und private Einrichtungen auf der Feier vertreten, weil dort noch andere Bedingungen herrschen?
War  es  nicht so, dass 2006 der Uno-Sonderberichterstatter Muñoz in der BRD von Kindergarten zu Kindergarten reiste, Schulen und Hochschulen besuchte und schlechte Noten austeilte: Allein in der Separation aller Schüler sei Deutschland gut. Das gemeinsame Lernen von behinderten und nichtbehinderten Menschen ist ein Menschenrecht, das umgesetzt werden muss. Bremen übrigens macht das seit 2009: Alle Schulen sollen sich zu inklusiven Schulen entwickeln.

aus dem SPIEGEL vom 21.02.2006, stark gekürzt:
"Uno-Schulinspektor gibt Deutschland schlechte Noten
Zehn Tage lang fuhr Uno-Sonderberichterstatter Muñoz von Kindergarten zu Kindergarten, besuchte Schulen und Hochschulen. Doch was er auf seiner Reise durchs Land der Dichter und Denker erlebte, überzeugte ihn nicht.
Vernor Muñoz Villalobos monierte am deutschen Bildungssystem vor allem, dass es sich nicht am Potential der Kinder orientiert. Im Einzelnen kritisierte er: kostenpflichtige Kindergärten, dass Schüler schon mit zehn Jahren auf verschiedene Schultypen verteilt werden, die mangelnde Integration von Ausländerkindern und den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Negative Folgen habe auch der Föderalismus in der Bildungspolitik, da er zu Unterschieden zwischen den einzelnen Länder führte.
Als Konsequenz seines Besuchs gab der Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung vier vorläufige Empfehlungen. An erster Stelle solle die Bundesregierung ihre Vorbehalte gegen die Uno-Kinderrechtskonvention aufgeben. Als Folge könnten Migranten in Deutschland erst ab 18 Jahren als volljährig gelten und nicht wie derzeit schon ab 16. Auch Flüchtlinge ohne dauerhaftes Bleiberecht könnten dann länger zur Schule gehen.
Ferner müsse der Besuch von Kindergärten kostenlos sein. Auch das sei mit Blick auf die Integration von Ausländerkindern und deren Sprachkenntnisse wichtig, sagte Muñoz. Als dritten Kritikpunkt führte Muñoz an, die Menschenrechtserziehung müsse in allen Schulen und bei der Weiterbildung der Lehrer eine stärkere Rolle spielen.
Viertens dürften Schüler nicht schon nach der vierten Klasse auf die verschiedenen Schulformen verteilt werden. Mit der frühen Auslese nach dem vierten Schuljahr werde das Bildungspotential der Kinder nicht ausgeschöpft, erläuterte Muñoz seine Kritik. "Der Zugang zu Bildung ist ein Menschenrecht", betonte der Inspektor. Die frühe Aufteilung in Deutschland habe aber vor allem negative Konsequenzen für diejenigen, die ohnehin schon Probleme hätten, wie Migrantenkinder und Kinder aus sozial schwachen Familien. Dabei zeigten Untersuchungen, dass bei der Aufteilung auf die verschiedenen Schulformen für 44 Prozent falsche Empfehlungen gegeben werden. "Man hat den Eindruck, dieses Resultat wird vom Schulsystem nahezu aufgezwungen", sagte Muñoz.
Soziale Herkunft bedingt den Bildungserfolg
Eine Schulform-Aufteilung bereits von zehnjährigen Kindern gibt es nur noch in Deutschland und Österreich. In allen anderen Staaten gehen die Kinder länger gemeinsam zur Schule. "Ich habe das Gefühl, dass sich das deutsche Bildungssystem nicht darauf konzentriert, alle einzubeziehen, sondern dass es eher Trennungen schafft", sagte der Uno-Experte. Muñoz wies darauf hin, dass schon der internationale Pisa-Bildungsvergleich für Deutschland einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ergeben habe. In der Hauptschule seien Migranten und Arme überrepräsentiert, im Gymnasium hingegen unterrepräsentiert. Hinzu komme, dass 20 Prozent der Hauptschüler ohne Abschluss blieben und die Hälfte der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss keine Lehrstelle fänden.
...
Über Schulstruktur kein Konsens
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) lehnte eine zentralistische Bildungspolitik ab und plädierte für eine Weiterentwicklung der föderalen Struktur. Bund und Länder müssten sich dabei auf gemeinsame Ziele einigen. Auch die Pisa-Studie habe keineswegs gezeigt, dass Länder mit einem solchen System besser abschnitten als andere.
Für die Kultusministerkonferenz wies der Berliner Schulsenator Klaus Böger darauf hin, dass es in den Ländern keinen Konsens über die Schulstruktur gebe. Die KMK habe die Strukturdebatte nach der Pisa-Diskussion ausgeklammert, sich aber auf sieben andere Handlungsfelder geeinigt.
Seine endgültigen Empfehlungen will Muñoz demnächst der Bundesregierung zuleiten. Anschließend werden sie in seinen Abschlussbericht an den Uno-Menschenrechtsausschuss aufgenommen, den er nach ähnlichen Besuchen mehrerer Länder in fast allen Teilen der Welt verfassen wird."

Man hätte natürlich auch sagen können, dass man sich beeilt, wenigstens irgendwo den Forderungen des Herrn Munoz nachzukommen..., aber nein, alles wurde auf das eigene Panier geschrieben.
Schön waren die musikalischen Beiträge, beeindruckend der Vortrag eines Liedes in Gebärdensprache durch den Gebärdenchor eines Instituts für Hörgeschädigte. Alle Anwesenden wissen nun, wie man Hörgeschädigten lauten Beifall spendet. Beinahe anrührend die Percussionsstücke und der Gesang von Schülern einer Behindertenschule und eines Gymnasiums. Die kindliche Freude über den Auftritt auf einer Bühne und der Genuss des brausenden Beifalls war weit in den Saal hinein zu spüren.

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