30. November 2011

Tut gut

Vor zwei Tagen kam eine Mutter ins Büro und gab eine selbstgebastelte Karte und einen Riesenteller mit wohlschmeckenden Plätzchen ab.


"An den Schulrektor
von einer dankbaren Mutter
ein Gruß aus der Backstube...

Sehr geehrter Herr Schulrektor,
lieber Herr ...,
eine Kleinigkeit aus der Backstube soll Ihnen und dem Lehrerkollegium andeuten, wie hocherfreut und dankbar ich bin, was Sie aus dieser Schule gemacht haben (deren Entwicklung ich seit ca. 43 Jahren erlebe: als alteingesessene ...erin war ich hier selbst Schülerin, ebenso meine beiden Söhne L... E...., 27 Jahre alt und L...*, 10 J., 5a Bei Frau D.).
Ich komme aus dem Staunen nicht heraus... dass ich so etwas Schönes noch erleben darf...
Ihr Einsatz für kleine Klassenstärken und für Menschlichkeit zeugt von einem hohen Respekt vor Kindern und erfreut ein Mutterherz! Deshalb ist es mir ein Anliegen, Ihnen einmal ausdrücklich zu danken!
X.Y.
*(der sich trotz ADS hier sehr gut entwickeln kann und wohlfühlt)"

Das tut uns gut und könnte ruhig öfter vorkommen...

21. November 2011

Deutscher Lernatlas: Im Norden des Südens

Jetzt ist es amtlich: Im Süden Deutschlands wird am besten gelernt. Wir wussten es ja schon immer. Schulisches, berufliches, soziales und persönliches Lernen wurde untersucht. Die Bertelsmann Stiftung hat es gemacht.


„Der Lernatlas verdeutlicht, dass Lernen mehr ist als Schule“, sagt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied für den Bereich Bildung in der Bertelsmann Stiftung.Wissen wir auch.
Nur: Unsere Kinder und Jugendlichen bekommen von zu Hause keinerlei Anregungen, ein Museum, eine Ausstellung, ein Konzert oder eine Theateraufführung zu besuchen. Ein Bauernhof für Kinder, der in der Nähe der Schule liegt, genießt geringes Ansehen. Dort macht man sich dreckig und es gibt sogar Schweine! Da sind wir als Schule mit 80% Migrationshintergrund schon wieder durchgefallen.
Berufliches Lernen: Wir reißen uns die Beine aus, um unsere Kids ausbildungsreif zu kriegen. Viele kommen auch, unter großer Anstrengung der Jugendsozialarbeit, in Lehrstellen unter.
Nur: Viele halten das nicht aus oder durch. Heute war ein ehemaliger Schüler da, der im Juli die Schule verlassen hatte und eigentlich keine Lehre machen wollte, da er sowieso Fußballprofi werde. Er erzählte, er habe von sich aus seinen Ausbildungsplatz gekündigt, weil die Firma im Oktober ein paar Tage zu spät das Lehrlingsgehalt überwiesen hatte. Berufliche Weiterbildung? Dazu brauchen wir erst mal Gesellenprüfungen. Wieder das Ziel nicht erreicht.
Soziales Lernen: Das bedeutet die Bereitschaft zu sozialem Engagement, zur politischen Partizipation.
Nur: Da sind wir, glaube ich, ganz schlecht, obwohl einer unserer Kooperationspartner sich immer wieder um Partizipation bemüht und wir das auch unterstützen. Alte rumfahren, einkaufen für die, nee danke. Schon wieder durchgefallen.
Persönliches Lernen: Das würde ja heißen, dass man/frau das reichhaltige Kursangebot zur persönlichen Weiterbildung, beim Sport, im kulturellen Leben und durch selbstgesteuertes Lernen mit Medien wahrnimmt!
Nur: Ich habe noch nie gehört, dass ehemalige SchülerInnen Englisch in der VHS nachlernen, um sich noch den mittleren Bildungsabschluss zu erarbeiten. Bibliothek nutzen? Wozu? DVDs kann man im Videoshop leihen oder im Internet runterladen. Sportverein? Lieber Fitnessstudio und Solarium. Bücher lesen? Was soll das denn? Klassenziel: Nicht erreicht.
Natürlich ist der Blog polemisch. Trotzdem glaube ich, wir arbeiten im Norden des Südens.

20. November 2011

Hauptschule weg - aber wie?

Nach monate-, ja beinahe jahrelangen Auseinandersetzungen ist es soweit: Frau Schavan hat sich durchgesetzt und das dreigliedrige Schulsystems soll nun abgeschafft werden. Ist ja nicht schlecht, nur sagt niemand, wie es letzten Endes gehen und aussehen soll, das zweigliedrige Schulsystem.
Eins steht immerhin fest und gibt beinahe Sicherheit: Das Gymnasium, unsere neue "Hauptschule", wird jedenfalls nicht angerührt. Real- und Hauptschule sollen zu einer "Ober-, Gemeinschafts- oder auch wie immer -Schule" zusammen gelegt werden. Das beschloss der CDU-Bundesparteitag in Leipzig nach einer lebhaften Debatte.
Laut einer Statistik besuchen in Deutschland nur noch knapp 18 Prozent der Achtklässler eine Hauptschule, in Bayern sind beinahe 30 Prozent, in Baden-Württemberg fast 27.
Die Regierungsparteien in Bayern wehrt sich vehement gegen irgendeine Änderung des dreigliedrigen Schulunwesens.


Neulich habe ich geträumt, dass runde Tische im Land eingerichtet wurden. Da trafen sich einmal im Monat die Eltern, Schüler, Lehrer, Vertreter des Staates, Wissenschaftler, das Handwerk und die Industrie und die Dienstleistung. Sie phantasierten über Gemeinschaftsschulen, Stadtteilschulen, Werkschulen, Gesamtschulen sogar. Die Schulen waren alle klein und überschaubar, allerhöchstens 500 Kinder.
Als es wirklich spannend wurde, wachte ich auf und musste in die Schule...

7. November 2011

Literatur für die Schule? Ja, aber nur am Gymnasium


"Bislang läuft es in der Schule doch eher so: Der Lehrplan diktiert die Lektürelisten, lesen mit mehr oder weniger Lust, eine abschließende Schulaufgabe. Mitunter denken sich Lehrer wie Schüler: Wenn man den Autor doch mal direkt fragen könnte! Wir geben rund 20 Schulen die Gelegenheit, die Patenschaft für einen der zum forum:autoren geladenen Schriftsteller zu übernehmen und sie exklusiv in den Schulen zu empfangen.  
Was ist eine Patenschaft? Wir möchten nicht, dass unsere Autoren vor unvorbereitete Klassen treten, ein Buch aufschlagen, lesen, es irgendwann zuschlagen und gehen. Wir möchten, dass die lebendige Auseinandersetzung, auf die das Festival auch bei seinen anderen Veranstaltungsreihen setzt, jeden Morgen in den Schulen beginnt. Erfinden Sie eine eigene Veranstaltung mit Ihrem Autor! ...
Teilnehmen konnten alle Münchner Gymnasien ab der 10. Klasse."
So weit der Text des Kurators Matthias Politycki (oder anderer Veranstalter?)

24 Gymnasien, 2 Fachoberschulen und 4 Berufsoberschulen werden ab dem 11.11.2011 an den Workshops/Lesungen des Münchner Literaturfests teilnehmen.
0 Realschulen, 0 HauptMittelschulen, 0 Grundschulen, 0 Förderschulen.

Literatur - eine Veranstaltung exklusiv für eine sog. "Elite"?
Oder besteht Angst, weil Gymnasiasten "gesittet" und alle anderen "wild" sind?
Egal, wie dem auch sei.

Es gibt eine Schule, die - neben wahrscheinlich vielen anderen - sich Leseförderung auf ihre Fahnen geschrieben hat. Ganz groß. Und nachhaltig.
15-20 Lese- und Englischpatinnen (the ladies who practice English conversation with the kids and who cannot speak German, at least they don`t want to) kommen seit Jahren ins Haus und lesen zusammen mit den KlassenlehrerInnen A.S. Neill oder E. Kästner oder O. Preußler oder H.G. Noack. Vereinfacht, aber immerhin.
Klassen gehen ins Theater und sehen sich Stücke nach literarischen Vorlagen an (Fahrenheit 451, Prinz Eisenherz, Märchen der Gebrüder Grimm usw.).
Texte werden für die regelmäßig erscheinende Schülerzeitung produziert.
Eine Vorlesefirma kann gebucht werden, um selbst gewählte oder bestellte Geschichten zu lesen, in Schulen, Kindergärten, Kirchen, Altenheimen, im Sportverein.
SchülerInnen gehen auf Lesungen. Aus einer solchen resultiert die im Januar 2012 stattfindende Schreibwerkstatt mit Mirijam Günter, Autorin bei dtv.
Hätte hierzu, und ich betone, nicht nur an dieser, sondern auch an anderen HauptMittelschulen, nicht die Teilnahme am Literaturfest gepasst?
Ich meine schon.

1. November 2011

Campus Campusser Am Campussten

Im neuen, erst noch geplanten Stadtteil Münchens, in Freiham, soll es einen Campus geben für 3000 Schüler und 300 LehrerInnen. Dazu sollen Volkshochschule, Kulturzentrum, Bibliotheken, Freizeiteinrichtungen gruppiert werden. Eine gigantische Aufgabe.

Der Begriff  "Campus" kam in den 1960er Jahren aus den USA  in das Deutsche und ist lateinischen Ursprungs (campus, das Feld). Unter „Campus-Hochschulen“ versteht man Hochschulen, bei denen Lehr- und Forschungseinrichtungen, Wohnraum für Lehrende und Studenten sowie andere universitätsnahe Infrastruktur samt Grünflächen auf engem Raum zusammengefasst sind.
Nun soll in München ein Campus für Schulen geplant werden. Ein Förderzentrum und die "HauptMittelschule" sind bislang nicht vorgesehen. Eine Förderschule vielleicht deswegen nicht, weil ja ab diesem Schuljahr auf Teufel komm raus inkludiert werden soll - Inklusion ist  das neue Lieblingswort des KM - und HauptMittelschule vielleicht deswegen nicht, weil dieses Wort gar niemand mehr gerne in den Mund nimmt, so auch z. B. auf der von REGSAM initiierten Diskussion am 27. Okzober 2011 in Neuaubing.
Der Arbeitskreis Ganztagsschule von Regsam leistet gute Arbeit, macht sich Gedanken und tritt mit seinen Vorstellungen an die Öffentlichkeit. Versagt hat hingegen die Diskussionsleitung, die eine starr festgelegte Vorgehensweise im Kopf hatte und, bevor Konzepte diskutiert werden durften, nur Beiträge zum Punkt "Was müssen wir als nächstes tun?" zuließ, das Pferd also von hinten aufzäumte.
Vertreter aller großen Stadtratsparteien bis auf die CSU - sie ließ sich aus Krankheitsgründen entschuldigen und sandte keinen Ersatz - BürgerInnen, Schulleitungen, Regsam-MitarbeiterInnen und ein Lehrerverband diskutierten über die Pläne der Stadt und das Konzept der Projektgruppe Ganztagesschule.
Professor Hübner, ein erfahrener Schularchitekt, stellte die von ihm mit geplante EGG Gelsenkirchen vor.

Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen (Fotos: plus+ bauplanung GmbH Hübner-Forster-Hübner-Remes Freie Architekten)
Beeindruckend war die Idee die Schule als Dorf anzulegen, locker angesiedelt um eine Art Dorfstraße, trotzdem oder gerade deswegen überschaubar.
Er stellte im Lauf seines Vortrags eine wichtige Frage, die wahrscheinlich unterging und folglich nicht beantwortet wurde, wohl auch, weil vom Planungsreferat niemand anwesend war: Warum muss es ein riesiger Campus sein, warum kann man nicht drei dezentral gruppierte kleinere Einheiten bauen?
Diese Frage stellt sich z.B. auch die HauptMittelschule im benachbarten Stadtteil Neuaubing seit langem. Die Schulgeschichte der letzten 10 Jahre dürfte gezeigt haben, dass Gefahrensituationen meist an großen, unüberschaubaren Bildungseinrichtungen entstehen. Dort, wo die Lehrer und Schulleitungen jeden Schüler kennen (das funktioniert bis zu einer Größe von 500 Schülern), wo die Identifikation der SchülerInnen mit ihrer Schule stark ist, wo keine Schmierereien und sonstige Gewaltindikatoren anzutreffen sind, wo Problemlagen rechtzeitig erkannt werden und angemessen darauf reagiert werden kann, kommt es selten zu Eskalationen.
Und mit einem Campus für 3300 Menschen? Wie wird das sein?