22. Dezember 2012

Arm und Reich

Unter dieses Thema stellte die SZ am Wochenende ihre Beilage vom 22./23.12.2012.
Liest man die Beilage von vorne bis zur Mitte, geht es um Armut. Dann legt man sie zusammen, dreht sie um und hat das Thema Reichtum vor sich.
In der Mitte prallen Arm und Reich aufeinander, in Person von Herrn Roßmann und zwei Müttern unserer Schule. Die beiden hat Alex Rühle, unser Freund seit dem Jahr 2004, portraitiert.
Sehr lesenswert, das Ganze. Und illustriert haben alles zwei wunderbare Künstlerinnen:
Vespa
Larissa Bertonasco www.bertonasco.de 

und Carolin Löbbert www.carolinloebbert.de

vom Projekt www.springmagazin.de.

20. Dezember 2012

Schulsystem produziert Rechtsradikalismus?

Ja, der Herr Klaus Wenzel, Präsident des BLLV, hat sich vergaloppiert. Meint er doch, das dreigliedrige Schulsystem verstärke Spaltungsprozesse und schaffe dadurch letzten Endes mehr Neonazis.
Da läuft er aber ins offene Messer der bayerischen Staatsregierung, die natürlich stante pede kontert und sagt, dass im deutschen Osten, wo das Schulsystem zweigliedrig ist, mehr Rechtsradikale sind als in den westlichen und südlichen Bundesländern.
Herr Wenzel hätte besser darauf hingewiesen, dass jedes Schulsystem in Deutschland durch Konkurrenz und Auslese Verlierer produziert, die ein gefährliches Potenzial werden können.

11. Dezember 2012

Timms und Iglu 2011 - ein Grund zum Jubeln?

Deutsche GrundschülerInnen schneiden im internationalen Vergleich gut ab, sie befinden sich im Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften im oberen Drittel.
Prima.
Die Leseleistungen 2011 jedoch sind nicht besser als 2001.
Sachtexte fallen den SchülerInnen schwer. Jedes 6. Kind erreicht nicht ausreichende Kompetenzstufen im Lesen.
Bei uns in der 5. Klasse schließen wir bei einem Drittel der Kinder erst allmählich den Leselernprozess ab.
Jedes 5. Kind kommt mit ungenügenden Mathe-Kenntnissen in die 5. Klasse.
Kein Wunder, dass wir bei den Grundrechenarten wieder anfangen.
Die Bildungschancen sollen laut Bundesbildungsbericht steigen, 15-20% der Kinder und Jugendlichen bleiben aber von der Teilhabe an Bildungschancen ausgeschlossen. Zitat SPIEGEL Online 11.12.2012: "Sie können nicht richtig lesen oder Texte verstehen, brechen die Schule oder die Lehre ab und nehmen auch nicht an Weiterbildungskursen teil."
Der SPIEGEL weiter: "Die wirklich ernsten Probleme der deutschen Schüler beginnen nämlich in der Regel erst mit der 5. Klasse."
Sagen wir doch schon immer.

8. Dezember 2012

20 Jahre Münchner Lichterkette

Am 6. Dezember 2012 feierte die Lichterkette München ihren 20. Geburtstag, im Literaturhaus München, mit über 350 geladenen Gästen. Eine schöne Feier, der Lichterkette angemessen.
Marcus H. Rosenmüller stellte seinen für die Lichterkette gedrehten Spot "München - eine Stadt schaut hin" vor.
Zur Vorgeschichte:
Im Herbst 1992 brannten in Deutschland Asylberwerberunterkünfte, teilweise unter den Augen staatlicher Institutionen.

Daraufhin mobilisierten vier Münchner Bürger Hunderte von Helfern und organisierten am 6. Dezember 1992 die erste Lichterkette in Deutschland. Fast 500 000 Menschen setzten mit Kerzen in der Hand ein in aller Welt beachtetes Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus.
Die Idee für die Lichterkette stammte von Gil Bachrach, Giovanni di Lorenzo, Christoph Fisser und Chris Häberlein.
Nach wie vor arbeitet der gemeinnützige Verein Lichterkette e. V. in München. Er entwickelt und unterstützt Projekte und Aktionen, die im Sinne der Völkerverständigung die Begegnung, den interkulturellen Austausch und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in München fördern.

Wegen des runden Geburtstags bekommt die Lichterkette zur Zeit viel Aufmerksamkeit in den Medien (Bayern 2, "Nachtlinie" im Bayerischen Fernsehen, SZ u.a.). Und das ist gut so.

22. November 2012

Neue Schule Hamburg?

Wie kann sie funktionieren?
Hirnforscher sagen, dass Kinder lernen wollen.
Ja.
Aber nur begrenzt. Laufen, Sprechen, Rad fahren lernen sie gerne. Aber den Satz des Pythagoras? Oder Englischvokabeln und -grammatik? Kinder und Jugendliche sehen viele Lerninhalte nicht ein, wieso auch?
Man kann sie nicht über Curricula entscheiden lassen. Es fehlt der Überblick. Schließlich leben wir in einer kapitalistischen Gesellschaft, die auf Konkurrenz basiert. Und wie soll so ein Kind der Neuen Schule Hamburg konkurrenzfähig sein, sich bewähren im Wettbewerb mit den Schülern der staatlichen und anerkannten Privatschulen?

17. November 2012

Schulentwicklung - aber wie?

Viele Schulen betreiben Schulentwicklung.
Wie fast überall, sind auch hier keine allgemein gültigen Standards festgeschrieben.
Unsere Schule versteht darunter die aktive Auseinandersetzung mit

1. Leitbild und Schulprogramm
2. Personalentwicklung
3. Teamentwicklung
4. Projektmanagement
5. Unterrichtsentwicklung

Leider verwechseln sehr viele Schulen Schulentwicklung mit einer Ansammlung von Projekten (die ja zur Genüge angeboten werden).
Bevor aber irgendwelche Projekte implantiert werden, muss die Auseinandersetzung mit den obigen 5 Punkten stattgefunden haben.


siehe auch: http://www.hs-neuaubing.musin.de/index.php?option=com_content&view=article&id=107&Itemid=146

1. November 2012

SMS gegen Schwänzer? Blanker Unsinn!

In Berlin wird an drei Schulen eine Software getestet, die Eltern von schwänzenden Schülern eine SMS auf das Handy schickt.
Die blöden Vorschläge der Schulverwaltung werden immer blöder interessanter.
Bei unseren Eltern wechseln die Mobilfunknummern monatlich, wöchentlich. Neulich rief ich eine mir eben gegebene Nummer an und ich landete im entgegengesetzten Teil der Republik. Das Handy hatte gerade mal ein entfernter Verwandter ausgeliehen.
Was tun, wenn Schüler unentschuldigt fehlen?
Unsere Sekretärin telefoniert nach. Zu Hause, in der Arbeit, auf dem Mobiltelefon. Spätestens eine halbe Stunde nach Schulbeginn.
Wo wir niemanden erreichen, schauen unsere Jugendbeamten - die sind endcool uns sehr unterstützen, die Schwänzerquote gegen Null zu drücken - zu Hause nach und wenn der/die SchülerIn unentschuldigt ist, bringen sie ihn/sie in die Schule.
Und bei unseren zwei wirklichen Schwänzerinnen haben wir ohnehin keine Handhabe.
Es gibt übrigens einen prima Artikel zum Thema:
http://www.beltz.de/de/paedagogik/zeitschriften/paedagogik/themenschwerpunkte/schulverweigerung.html

30. Oktober 2012

Abrutschen? Einfacher als aufsteigen!

"Ausgesiebt und abgestiegen" ... titelt Spiegel Online heute.
Doppelt so viele Schüler steigen in der BRD auf eine niedrigere Schulform ab als in eine höhere Schule "aufsteigen". Die Durchlässigkeit nach unten funktioniert traditionell gut, denn ganz unten ist ja die HauptMittelschule mit ihren Netzen, die auffängt, die Schüler wieder ermutigt, fördert und zu Abschlüssen bringt.
In der Öffentlichkeit wird die HauptMittelschule eher als eine "Tabuzone" gesehen: Ungeliebt, man geht nicht freiwillig dorthin.
Noch gibt es in Bayern die Hürde des Notenschnitts von 2,33 für den AufstiegÜbertritt an das Gymnasium. Die politische Tendenz geht allerdings in Richtung Elternwille und weg von der Empfehlung der Lehrkräfte und der klaren Aussage der Noten.



22. Oktober 2012

Kommentare?

Manche Blog-KollegInnen bedauern, nicht genügend kommtentiert zu werden.
Mir ist das egal. Antworten, freischalten, das macht ohnehin nur Arbeit. Wichtig ist, dass er gelesen wird.
Interessant bei meinem Blog ist, dass viele Mails ankommen, die sich auf Beiträge beziehen. Macht auch Arbeit. Ist aber auch prima.

16. Oktober 2012

Grundsicherung für Kinder

Die müsste her! Aber nicht unbedingt, um der überbevölkerten Erde noch mehr deutsche Kinder zu bescheren. (Siehe Studie "Zukunft mit Kindern – Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung")
Sondern um die Kinder, die da sind oder kommen werden, bestmöglich zu versorgen: Mit kostenlosen Betreuungs- und Vorschulangeboten, mit Schulen, die über mehr als ausreichendes Personal verfügen, mit kostenlosen kulturellen Angeboten, die in die Schule kommen oder günstig von Schulen aufgesucht werden können, Sportangeboten, Sprachförderkursen externer Einrichtungen usw.
Dieses Grundsicherungsnetz muss dann aber auch von Experten geplant werden, von Menschen, die in diesen Bereichen arbeiten, die erfahren sind, und nicht von selbsternannten Bundes- oder EU-Bürokraten, die wenig Ahnung von der Wirklichkeit haben.

9. Oktober 2012

Sorgenschule in der Provinz oder Ein Lehrer mehr pro Klasse

Heute schreibt Tina Baier in der SZ über die Mittelschule an der Weinbergerstraße in Neumarkt in der Oberpfalz, 2007 bayerischer Landessieger und 2. Bundessieger beim damaligen Hauptschulpreis (heute "Starke Schule").
Eine Mittelschule mit Problemen wie alle anderen Mittelschulen in Bayern, nur mit dem Unterschied, dass sie ähnlich wie unsere Schule seit 2007 beinahe jährlich bepreist wird.
Schulleiterin Petra Zeitler und ihr Kollegium sind hoch motiviert und engagiert, arbeiten an der Leistungsgrenze. Wie lange noch? Lehrkräfte werden zum "Hausarzt" für die Probleme der Kinder.
Spaenle dagegen verkündet, kein Kind dürfe zurück gelassen werden.
Die Lehrkräfte allerdings schon. Ausgepowert, kaputt, angeknackst von den nicht behebbaren Schwierigkeiten ihrer SchülerInnen und mangelnder Unterstützung.
Es wäre so einfach.
Der Anfang wäre eine zusätzliche Lehrkraft, ja, nicht pro Schule, sondern pro Klasse. So wie wir es am Nachmittag im Ganztag zu organisieren versuchen. Und vor lauter Knappheit und Mangel dabei verhungern.
Herzliche, solidarische Grüße in die Oberpfalz.

 

6. Oktober 2012

Bayerns Grundschüler lernen am besten?

Laut Studie der Kultusministerkonferenz schon. Auch bei anderen Tests liegen die bayerischen SchülerInnen mit ihren Leistungen vorne. Das hat viele Gründe.
Liegt`s daran?

Andererseits bekommen wir aber in die 5. Klassen eine große Zahl von Kindern, bei denen der Leselernprozess noch nicht abgeschlossen ist, die sehr, sehr langsam und derart verzerrt schreiben, dass es unleserlich ist und die die Grundrechenarten in keinster Weise beherrschen.
Eine Studie, die den Leistungsstand der nicht übergetretenen Schüler zu Beginn der 5. Klasse messen würde, die wäre mal interessant.

3. Oktober 2012

26. September 2012

Betreuungsgeld? Kinderarmut!

In einer Langzeitstudie ließ die Arbeiterwohlfahrt 900 Kinder untersuchen, die Hälfte davon aus armen Familien. 43 % der Kinder schafften den Sprung aus der Armut, wenn sie kontinuierlich betreut wurden, von der Kita über die Schule in den Beruf, wenn die Institutionen zusammenarbeiten und die Maßnahmen engmaschig ineinander greifen. Ein Beispiel dafür, dass dies funktioniert, ist die Stadt Monheim. (siehe auch den lesenswerten taz-Artikel vom 26.9.2012 "Monheims langer Atem")
Das heißt, dass Geld in Kindergärten, Horte, Schulen und andere Einrichtungen investiert werden muss, und es nicht für Kinder, damit die zu Hause bleiben, ausgegeben werden darf.
Das ist das falsche Signal für Eltern in prekären Verhältnissen. Deren Kinder werden so sinnvollen und wichtigen öffentlichen Betreuungsangeboten entzogen.



22. September 2012

27. August 2012

Entlastung

In zwei Wochen fängt auch hier im Süden wieder die Schule an.
Bis heute gibt es keine Lehrerzuweisungen, keine Lehrerstunden, nichts.
Das ist schön.
Die Ferien können weiter in vollen Zügen genossen werden.

24. August 2012

Schule im Aufbruch?

Die gleichnamige Initiative (nicht mit Frage-, sondern eher mit Ausrufezeichen) präsentierte sich dieser Tage der Öffentlichkeit.
Klingt prima.
Schulen sollen umgebaut werden, von unten, mit Unterstützung von Eltern, Bürgern, Unternehmen. Von unten, denn der Staat "sei den heutigen Herausforderungen im Bildungsbereich nicht mehr gewachsen. Nun sollen Zivilgesellschaft und Wirtschaft die Bildung lieber gleich selbst in die Hand nehmen." (Zitat aus der taz vom 24.8.2012)
Dieser Umbau ist bei den staatlichen und städtischen Schulen allerding nur mit voller Unterstützung der Träger und Verwaltungen möglich.
Unsere Schule machte sich auch beizeiten auf den Weg. Die Anstrengungen und Mühen wurden auch von Seiten verschiedener Stiftungen und -organisationen gewürdigt, die klar sahen, dass Kollegium und Unterstützerkreis das alles aus eigener Kraft geschaffen hatten. Jetzt, wo es weitergehen sollte, wo wir als Schule in Entwicklung unsere Visionen weiter entwickeln und diese gern zusammenführen würden, fehlen schlicht die Grundvoraussetzungen für Schule im "Aufbruch". Dieses Wort kommt ja von "brechen", was bedeutet: Etwas Stabiles oder Hartes mit Anstrengung in zwei oder mehrere Stücke teilen.


Das heißt, das Schulsystem, dessen Verwaltungsstrukturen immer noch dem 19. Jahrhundert verhaftet sind, muss abaufgebrochen werden, und zwar von den Schulen, die in ihrer Entwicklung den Verwaltungen meilenweit voraus sind. Man kann sich vorstellen, dass es an den Schnittstellen knistert und kracht.
Zur Zeit sind wir vom AbAufbruch Jahre entfernt. Der erfordert nämlich zusätzliche Ressourcen: Mehr Räume, entsprechende Ausstattung, vor allem genügend Lehrerstunden, um den Grundbedarf an Unterricht sicherstellen zu können (und nicht schnell mal eine Aufbesserung von 300 zusätzlichen Lehrkräften für 1000 Schulen, zur Beruhigung).

20. August 2012

Leserbriefe


Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte am 20.8.2012 Leserbriefe zur Lehrerstundenversorgung an den bayerischen Mittelschulen. Den geneigten LeserInnen dieses Blogs sollen sie nicht vorenthalten werden. Wunderbare Krönung ist allerdings die offizielle Stellungnahme des Pressesprechers des KM. Mein ehemaliger Deutschlehrer hätte gesagt: "War nett, aber setzen, leider sechs. Themaverfehlung."

aus der SZ:


Schönrednerei
Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle macht vor, wie man einen Fehler in einen Erfolg umdeutet: Das Ministerium setzt die Prognosen zur Schülerzahl an der Mittelschule viel zu niedrig an und feiert sich dafür, dass diese Prognose falsch ist. Besonders ärgerlich ist, dass die Lehrerstundenzuweisung auf der Basis dieser Prognosen errechnet wird. Die Folge ist klar: Die Personalversorgung an den Mittelschulen im kommenden Schuljahr weist katastrophale Lücken auf.
Kurz vor Ende des Schuljahres verkündete das Kultusministerium noch einmal Jubelnachrichten. ,,Insgesamt werden im nächsten Schuljahr rund 209 000 Schülerinnen und Schüler die Mittelschule in Bayern besuchen. Das sind rund 14 000 mehr als 2011 erwartet", heißt es in einer Pressemitteilung. Kultusminister Spaenle setzte nach: ,,Durch die Mittelschule haben wir den negativen Trend der Schüler Entwicklung an den Hauptschulen gestoppt."
Solche Aussagen machen kritische Zeitgenossen baff. Sollte Spaenle geschafft haben, woran sämtliche Vorgänger gescheitert sind? In der langfristigen Betrachtung nicht. Die Prognosen liegen seit Jahren unter den tatsächlichen Schülerzahlen. Trifft die Prognose einmal nicht zu, ist das dem Kultusministerium eine Erfolgsmeldung wert. Tatsächlich sinken die Schülerzahlen unaufhaltsam. Im Schuljahr 2010/11 besuchten noch 220 000 Schülerinnen und Schüler die Mittelschule, 2011/12 waren es 214 500 und ·im kommenden Schuljahr werden es nur noch 209 000 sein. Zur Erinnerung. Im Schuljahr 2000/01 drückten noch 323 1094 Kinder und Jugendliche an den Hauptschulen die Schulbank. Diese Zahlen sprechen für sich.
Noch viel ärgerlicher ist allerdings, dass die zu niedrig angesetzte Prognose zu einer massiven Verschlechterung der Unterrichtsversorgung im kommenden Schuljahr führt. Denn die Stellenzahl orientiert
sich an der Prognose. Im April legte das Ministerium fest, dass Mittelschulen pro Schüler 1,81 Lehrerstunden zugewiesen bekommen. Jetzt wurden die Schulämter informiert, dass pro Schüler nur noch 1,71 Lehrerstunden zur Verfügung ständen. Damit wird es schwer, überhaupt den Pflichtunterricht abzudecken. Die Mittelschulen werden jetzt Opfer ihres vom Kultusministerium so heftig bejubelten Erfolgs. Hilfe dürfen sie von dort nicht erwarten, denn Spaenle reagiert in gewohnter Manier: Er weist alle Vorwürfe zurück, leugnet die Fakten und redet sich (und dem Wahlvolk) die Welt schön.                                                                             Dr. Fritz Schäffer, München


Kreativität ist gefragt
,,Der Lehrermangel an den Grund- und Mittelschulen sei so groß, dass der Unterricht nur mit Mühe sicherzustellen sei." Dieser Satz ist purer Euphemismus. Schon im vergangenen Schuljahr konnte bei einer Zuweisung von 1,8 Lehrerstunden pro Schüler der amtliche Stundenplan nur mit Mühen aufrecht erhalten werden. Im kommenden Schuljahr liegt, der Schlüssel bei 1,7. Wo soll noch gekürzt werden? Die AGs, die die Schulen ausweisen, finden nur noch im gebundenen Ganztag statt, die Regelklassen gehen leer aus. Die Kreativität der Schulleiter ist gefragt: Sport und differenzierter Sportunterricht können ruhig 14-tägig erteilt werden, ebenso Religion und Ethik. Dann legen wir mal Kunst und Musik an die Randstunden oder in den Nachmittag und halten den Unterricht ebenfalls alle zwei Wochen. Die im Rahmen der Hauptschulinitiative ausgedachte und hoch gepriesene Modularisierung in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch  - ebenfalls in der Stundentafel für die fünfte bis siebte Klasse vorgeschrieben - fällt einfach unter den Tisch. Und schon haben wir den Faktor 1,7. Es verwundert, dass Handel, Handwerk und Industrie sich so still verhalten. Dort werden doch Auszubildende gesucht, und zwar im Lesen, Schreiben und Rechnen gut ausgebildete, mit ein paar Sozialkompetenzen dazu.

                                                                                        Jürgen Walther, München

Planlosigkeit, Hilflosigkeit
Nach 26-jähriger Tätigkeit in der bayerischen Schulaufsicht stelle ich fest, dass sich im Blick auf die sich immer wieder jährenden administrativen Unzulänglichkeiten bei der Klassenbildung an unseren Schulen nichts, aber auch gar nichts geändert hat. Seit Jahrzehnten fehlen Lehrer und Stunden, profilbildenden Projekten droht das Aus. Sie werden häufig zu Reformruinen. Lehrer, Schulleiter und Schulräte schlagen Alarm - inzwischen öffentlich. Seit Jahrzehnten das gleiche Bild: Planlosigkeit, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Wut.
Die Verantwortlichen scheinen aus den sich jährlich wiederholenden desaströsen Zuständen nichts gelernt zu haben. Dabei ginge es doch auch anders. Warum ist es nicht möglich, frage ich mich, die Personalplanung für das kommende Schuljahr am Ende eines Schuljahres nahezu abzuschließen? Prüfungstermine lassen sich
ändern. Warum ist eine einigermaßen professionelle Personalplanung nicht möglich? EDV-Systeme lassen sich kompatibel gestalten. Warum können erfolgreiche Schulprogramme nicht weitergeführt werden? Schulprogramme müssen verlässlichsein können und haben als ,,Markenzeichen" einer Schule Vorrang zu genießen!
Voller Erschütterung und voller Hochachtung zugleich las ich das Interview mit der mutigen Rektorin Andrea Schöffel. Ihrer zentralen Aussage, wonach sie ihre Schule nicht mehr so leiten kann, dass es Kindem, Lehrern und ihr dabei gut geht, sollten sich möglichst viele Menschen, die mit Schule zu tun haben, stellen. Endlich!

                                                                                 Heinz Kreiselmeyer, Ansbach



Erfolgsmeldung
Die Qualität des bayerischen Bildungswesens wird vom Bildungsmonitor bestätigt. Bayern rangiert mit Sachsen, Thüringen und Baden-Württemberg in der Spitzengruppe. Zugleich schlägt sich in der jüngsten Veröffentlichung der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft das Handlungsfeld nieder, das Bayern auf der Grundlage der Initiative Aufbruch Bayem konsequent angeht: den Ausbau von Ganztagsschulen - bedarfsorientiert und flächendeckend. Die Qualität von Schule und Unterricht spielt für den Minister die zentrale Rolle bei der Förderung der jungen Menschen. Allein zum kommenden Schuljahr erhöht Bayem die Anzahl der offenen Ganztagsgruppen an den Schulen um rund 300 auf dann mehr als 3650. Die Anzahl der gebundenen aufeinander folgenden Ganztagsklassen an Schulen erhöht sich zum neuen Schuljahr um über 150. Dann bestehen an mehr als 1000 Schulstandorten gebundene Ganztagszüge. Zusätzlich werden die
Mittagsbetreuung und die verlängerte Mittagsbetreuung an Grund- und Förderschulen um über 560 Gruppen auf dann über 6000 Gruppen ausgeweitet. Im Bildungsmonitor wird positiv angemerkt, dass beste Startchancen für einen erfolgreichen Übergang in den Arbeitsmarkt bestehen, entsprechend hoch ist die Ausbildungsquote und die Erfolgsquote der Jugendlichen.
                                       Dr. Ludwig Unger, Sprecher des Kultusministeriums, München

19. August 2012

"Importierte Azubis"

Das ist die Überschrift im bayerischen Wirtschaftsteil der SZ vom 17.8.2012. Azubis aus Bulgarien wurden jetzt in Niederbayern für Ausbildungsberufe am Bau eingestellt, 25 an der Zahl und in Nürnberg junge Spanier für Pflegeberufe.
Das wirft verschiedene Fragen auf.
Zum einen zeigt es, wie groß der Druck in diesen Ländern sein muss, dass junge Leute ihre Heimat verlassen, ohne Sprachkenntnisse, um weit weit weg von zu Hause einen Beruf zu erlernen.
Zum andern ist zu befürchten, dass nach der Lehre Löhne gezahlt werden, die weit unter den in der BRD üblichen liegen. Schon jetzt verrichten Arbeitsemigranten aus dem Osten und Süden Europas Arbeiten, die sonst niemand tun würde, zu Dumpingpreisen und zur Freude der Unternehmer.
Es gibt immer noch Tausende schwer oder nicht vermittelbare Jugendliche im Land, Jugendliche, die u.a. nicht genügend qualifiziert sind, eine Lehre anzutreten.
Warum lassen Industrie, Handwerk und Handel zu, dass im sekundären Bildungsbereich weiter Stunden gekürzt werden?

10. August 2012

"Der nächste Brandbrief"

...betitelt die SZ vom 10.8.2012 einen Artikel von Martina Scherf.
"Nach den Rektoren wenden sich nun auch die Schulräte an Kultusminister Spaenle und beklagen die 'extrem schwierige Situation': Der Lehrermangel an den Grund- und Mittelschulen sei so groß, dass der Unterricht nur mit Mühe sicherzustellen sei."

Der letzte Satz ist purer Euphemismus. Vergangenes Schuljahr war der Unterricht nur mit Mühe sicherzustellen, da gab es pro Schüler 1,8 Lehrerstunden. Damals konnte der reguläre Stundenplan mit Müh und Not eingehalten werden, ohne AG-Angebot für die Regelklassen. AGs konnte man nur im rhythmisierten Ganztag anbieten.
Für das kommende Schuljahr wurde die Stundenzuweisung pro Schüler auf 1,7 herabgesetzt.
Sportunterricht 14tägig, keinen differenzierten Sport mehr (obwohl vorgeschrieben), Religion und Ethik alle zwei Wochen nur und Mathematik, Deutsch und Englisch an die Randstunden. Dann können auch diese Fächer alle 14 Tage gehalten werden.
Es wundert, dass Industrie, Handwerk und Handel keinen lauten Aufschrei tun. Dort fehlen die Auszubildenden, und zwar die schulisch gut ausgebildeten.

7. August 2012

Respekt und Gratulation, Frau Schöffel!

"Ich kann unter diesen Bedingungen die Schule nicht leiten", so wird Frau Schöffel, die Schulleiterin der Grundschule in Graben bei Ausgsburg, von der SZ (7.8.2012, Bayernteil) zitiert.
Die Gründe hierfür fasst sie folgendermaßen zusammen:

SZ: Wo genau liegen die Probleme?
„Die Zuteilung der Lehrer war dieses Jahr so, dass ich bis zum Beginn der Ferien keinen vernünftigen Unterricht für das kommende Jahr organisieren konnte. Die Zahl der Stunden für Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag wurde mir im Lauf der Zeit von acht auf nur noch drei gekürzt. Gleichzeitig sollen die Schulleiter immer mehr Aufgaben übernehmen: Wir müssen zum Beispiel seit einiger Zeit die Lehrer im Unterricht besuchen und beurteilen. Früher hat das ein Schulrat oder eine Schulrätin gemacht. Außerdem sollen wir Mitarbeitergespräche führen, Projekte mit der Jugendsozialarbeit koordinieren und stärker mit den Kindergärten kooperieren. Alle drei bis fünf Jahre gibt es eine Evaluation, bei der alles bis ins Detail öffentlich dargelegt wird. Außerdem sollen wir natürlich die Schule und die Unterrichtsmethoden weiterentwickeln - und das alles mit einem Team, das ständig wechselt“.

So geht es einem, wenn man/frau SchulleiterIn einer Grund- oder Mittelschule in Bayern ist. Vielleicht haben wir uns schon zu sehr an diese Verhältnisse gewöhnt, die Verschlechterungen kommen ja nicht auf einen Schlag, sondern nach und nach und teilweise schleichend.
Unterstützung?
Die gibt es kaum. Die großen Verbände sind mit der Schulverwaltung und der Regierung "verbandelt", also ist von dieser Seite wenig zu erwarten.
Der Schritt von Frau Schöffel war konsequent. Weitere SchulleiterInnen werden folgen.
Gratulation.

25. Juli 2012

Streichkonzert I

11600 Lehrerstellen will die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg bis 2020 streichen.
Bremen wird nächstes Schuljahr nur 110 statt 170 Lehrer einstellen.
Andere Bundesländer werden folgen.
Begründet wird das wie immer mit demographischen Zahlen oder Haushaltssanierungen.
Bitte jetzt aber nicht aufschreien oder moralisch empört sein.
Warum in aller Welt sollen grüne oder blassrote Parteien, wenn sie staatstragend sind, anders reagieren als ihre andersfarbigen Konkurrenten?

22. Juli 2012

Und weg sind sie!

Am Freitag, 20.7.2012, entließen wir sie nach einer feierlichen Veranstaltung, auf der viel geschmunzelt und gelacht wurde: Unsere ehemaligen SchülerInnen der 9. Klassen. Frau M, eine Klassleiterin, war als fröhliches Blumenmädchen gekommen, Herr F, ihr Kollege ernsthaft und gemessen im Auftreten.
Bis auf eine Handvoll SchülerInnen sind alle untergebracht, und zwei von der Handvoll machen die 9. Klasse noch einmal.
Alle haben ihren erfolgreichen Hauptschulabschluss, dreiviertel ihren qualifizierenden Abschluss.
Danke Ehrenamtliche, danke Jugendsozialarbeit, danke an all die LehrerInnen.
Und danke Euch SchülerInnen, dass Ihr Euch fünf Jahre lang auf uns eingelassen habt.

11. Juli 2012

Das Quartier

Neuaubing rückt allmählich in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Nachdem 40 Jahre weggeschaut wurde, interessieren sich jetzt viele für Neuaubing: Mandatsträger, Verwaltungsleute, selbsternannte Fürsprecher der Bevölkerung.
Und sie machen Vorschläge, was man besser machen könnte. Für Institutionen oder Wohnungsbaugesellschaften, die Jahrzehnte lang im Viertel Positives geschaffen haben. Und die Verwaltung der Gemeinde hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht: Raumnot in den Schulen, dahin vegetierende öffentliche Plätze, kein Quartierszentrum, verkommendes Ladenzentrum, kaum Einkaufsmöglichkeiten für alte Menschen.
Der Grund für das neu erwachte Interesse? Nebenan wird ein neuer Stadtteil gebaut. Freiham.

7. Juli 2012

Einwanderer sind besser qualifiziert als Einheimische

Das fand das Institut der Deutschen Wirtschaft heraus.
Die früher allgemein verbreitete Meinung, dass Zuwanderer schlechter ausgebildet sind als die in der BRD schon lange Ansässigen, ist falsch.
Der Anteil der Zuwanderer mit Hochschulabschluss, auch und vor allem in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereichen, steigt und liegt relativ gesehen über dem Bundesdurchschnitt. Da soll eine/r noch was sagen.
Wir merken momentan zwar in unserer Arbeit noch nichts davon, aber es wird schon werden.


2. Juli 2012

Rasende Wurstpellen

Sie lassen im Sommer ihren Audi oder BMW zu Hause stehen.
Sie rasen heran: Helm, Sonnenbrille, Rucksack, Handschuhe, enges Trikot und wurstpellenartige kurze Hose - die aber auch bei 4°C - und die Fahrradschuhe mit den Pedalen verklickt.
Teilweise sind sie schon eine größere Gefahr für Radler als Autos, zumindest was meinen Schulweg betrifft.
Der geht über den Fluß, an Feldern vorbei, durch Blumenwiesen, am Morgen und am Spätnachmittag die Sonne im Rücken. An gemütliches Fahrradfahen, an Schauen und Genießen, an Nach- oder Vordenken eines Gesprächs ist nicht zu denken.
Es gibt eine neue Spezies von Radlern, die verbissen keuchend, im Frühling und Herbst Dampfwolken ausstoßend, im Sommer schweißtriefend trotz Funktionswäsche, in die Arbeit radeln. Aber so, als müsste jeden Tag der Rekord vom Vortag unterboten werden. Kommt es zu einer Radwegkreuzung, so halten sie unvermindert darauf zu; alle anderen Radler stieben auseinander. Der Alte, der langsam daher gondelt, ist schließlich selbst schuld, wenn er nicht merkt, dass da ein aggressiver Mitradler daher kommt. Selbst schuld, wenn er erschrickt und vom Rad springt und beinahe umfällt. Mittlerweile ist der Biker schon 50 m weiter. Schlechtes Wetter hält nicht ab. Zähnefletschend wird durchgehalten.
Die Radwegkurve, in beiden Richtungen befahrbar, ein wenig zugewachsen von hohen Büschen, wird geschnitten. Der langsame Gegenradler fährt 10 km/h, verrenkt sich den Hals nach vorne schauend, damit er sich rechtzeitig in den Zaun neben ihm fallen lassen kann.
Das sind die Dauerblinker auf der Autobahn. Das sind die, die innerhalb der Stadt einen ruhig fahrenden Twingo mit 90 km/h überholen, nach eindringlichem Hupen.
Sind das liebevolle, verständige Väter? Einfühlsame Ehemänner?
Manchmal habe ich den Eindruck, es sind Maschinen. Kampfmaschinen. Die sich auf die Konkurrenzsituation im Büro oder im Geschäft schon einstimmen, auf Kosten der anderen Radfahrer.

28. Juni 2012

Migrationsbericht 2010 bis 2012



Die Berichte und Studien und Untersuchungen häufen sich im Sommer. Im Winter, bei schlechterem Wetter, wird fleißig studiert und ausgewertet. Im Sommer wird dann veröffentlicht.
Also:
Mehr Kinder aus Migrantenfamilien gehen in die Kitas.
Mehr Schüler mit ausländischen Wurzeln machen dank besserer Sprachförderung die mittlere Reife oder das Abitur.
Dagegen verlassen weniger Schüler die Schule ohne Abschluss und es beginnen wieder genauso viele Jugendliche mit Migrationshintergund eine Lehre wie 1994.
Uns wundert das nicht.
Wir arbeiten daran.

24. Juni 2012

Thema Bildung


Letzte Woche gab es den fluter 43 (Abo gratis). An Stelle eines eigenen Posts veröffentliche ich das Editorial. Hat die Bundeszentrale für politische Bildung etwas gegen die Kultusministerkonferenz? Könnte direkt sein.
 
"In einem Land mit Schulpflicht sind alle Bildungsexperten. Das Bildungswesen ist eine riesige gesellschaftliche Maschinerie. In Deutschland arbeiten als Lehrende allein im Schulbereich mehr als dreimal so viele Menschen wie im ganzen Finanzsektor. Millionen Jungen und Mädchen sind Jahre ihrer Kindheit und Jugend als Lernende in den verschiedensten Bildungseinrichtungen unterwegs.
In dieses kulturelle und politische Feld sind langlebige konkurrierende Vorstellungen eingepflanzt über ldeale, konkrete Ziele und die angemessenen Mittel von Bildungsprozessen.
Über fast alles, was dazu gehört, gibt es ständig Streit. Und das ist auch
gut so, denn im 21. Jahrhundert ist Bildung wichtiger denn je und steht vor großen Umwälzungen.
Bildung ist eine Baustelle. Die konkrete Wirklichkeit sieht vielerorts noch verbesserungswürdig aus.
Der aus der lndustrialisierung stammende Vorrang repetitiven Wissens und eher autoritärer Methoden der Vermittlung ist ungebrochen. Bildung wird noch zu stark als Funktion ökonomischer Wertschöpfungsketten gesehen. Das Ziel einer möglichst schnellen Ausbildung ersetzt zu oft jenes des allmählichen geistigen Reifeprozesses.


 Der große bildungspolitische Skandal Deutschlands ist aber, dass ein 'Aufstieg durch Bildung' für viele unrealistisch geworden ist. Eine zunehmende Privatisierung der Bildung macht zudem aus einem öffentlichen Gut ein Privileg der Besserverdienenden.
Auf diesem Bildungspfad wurde die soziale Spaltung eher größer und damit die kulturelle Verarmung. Es gilt aber den Zusammenhalt durch Bildung zu stärken, den Ehrgeiz und die Talente möglichst aller zu wecken und sie entsprechend ihren Fähigkeiten bestmöglich zu fördern.
Wir könnten in einer friedlichen Form der Renaissancekultur leben, einer steten und allgemeinen lntensivierung der kulturellen Fertigkeiten der Vielen. Der Zugriff auf das Wissen und die Ideen steht uns in den digitalen Netzen
jederzeit zur Verfugung, der Austausch über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg ist einfacher möglich denn je. Neue Formen der Lehre und des Lernens machen sich das schon heute zunutze. lmmerhin, es wird auch in Deutschland vieles getan. In den Schulen hält die digitale Revolution Einzug. Der Bildungshunger ist
ungebrochen, und auch das Engagement der Verantwortlichen ist enorm. Aber es braucht noch ehrgeizigere Politik und ein allgemeines Bewusstsein dafür, dass Bildung mehr ist als ein nützlicher Zweck.
Bildung ist die Freiheit, die wir uns nehmen müssen. Ob Bildung gelingt, dafür trägt nicht nur die Allgemeinheit, sondern letztlich jeder selbst Verantwortung. Es lohnt sich so oder so. Wenn Bildung gelingt, bewegen wir uns in einer besseren Form des Lebens.
Thorsten Schilling"

23. Juni 2012

Bildungsbericht 2012



Wirklich Neues bringt er nicht.
  1. Es gibt immer mehr Abiturienten. Das wissen wir; wie kann es auch anders sein bei einer Übertrittsquote von manchmal 90 %.
  2. Die Gruppe der 30jährigen bildet sich immer weniger fort. Normal heutzutage. Innerbetriebliche Fortbildungen sind nicht erwünscht; die Zahlen müssen stimmen, die Zielvereinbarungen.
  3. Die Zahl der Förderschüler steigt, sowohl in den Förderschulen als auch in den allgemein bildenden Schulen: Inklusion sei Dank! Förderschüler in Regelschulen sind natürlich billiger.
  4. Es fehlen 260.000 Kitaplätze für Dreijährige (Rechtsanspruch nächstes Jahr).
  5. In der Kita betreute Kinder haben in der Schule bessere Chancen. Wissen wir auch.
  6. Die Jugendlichen ohne Schul- oder Ausbildungsabschluss, der "Sockel der Chancenlosen", macht 15 - 20 % aus. Jeder 5. Jugendliche ist ein schwacher Leser und kann Texte nicht ausreichend verstehen.
  7. Und noch ein Positivum: Die Zahl der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss ist seit 2008 um ein Prozent gesunken.

12. Juni 2012

Bankrott der Ideen

Arbeitslos werdende Schlecker-Frauen sollen Erzieherinnen werden - so die neueste Hüftschussidee der Bundesregierung bzw. einer ihrer Ministerinnen. Schlecker-Frauen, zumeist schon in fortgeschrittenem Alter, sollen umschulen auf einen Beruf, der zu den wohl anstrengendsten, am schlechtesten bezahlten, aber auch wichtigsten im Bildungswesen zählt: Erzieherin.
Schreiende Kleinkinder, Einzelprinzen und -prinzessinnen sollen sozialisiert werden. Die Erzieherinnen sollen in diesem Krabbel- und Pups- und Kleckerinferno immer ruhig, geduldig bleiben, sollen mit ihrer Klientel dann so nebenher auch noch Vorschularbeit leisten, ihr Grundkenntnisse in der deutschen Alltagssprache vermitteln, Umgangsformen bei- und unter bestimmten Bedingungen manche Werte näher bringen.
Das alles soll jetzt die Schlecker-Frau machen. Sie, die vor langer Zeit einmal Verkauf oder Einzelhandel gelernt hat. Aber es stimmt schon, der gemeinsame Nenner der beiden ansonsten äußerst unterschiedlichen Arbeitsbereiche sind der miese Verdienst und die den Verkäuferinnen und Erzieherinnen gleichermaßen drohende Altersarmut. Frau Schröder, die solche Ideen gebiert, ihrerseits aber einmal sicher nicht in der Altersarmut landen wird, sagt damit aber noch mehr. Der Subtext ist doch einfach, dass in den Bereich der vorschulischen Erziehung nicht investiert werden soll. Das war ja mitdenkenden Bürgern spätestens seit der Einführung des Betreuungsgeldes klar. Die verdienende Mittelschicht ruft das Geld nicht ab, die schickt ihre Kinder nach wie vor in die Krippen und Kindergärten. Aber die Hartz-IV-Empfänger und kinderreiche ausländische Mitbürger werden dadurch nicht motiviert, ihre Kinder jeden Morgen in den öffentlichen Kindergarten zu bringen. Durch die Lockung des Geldes wird staatlicherseits eine noch tiefere Spaltung der Gesellschaft betrieben.
Die Lösung, seit 1990 bekannt:


 

 Hierzu siehe auch: Klick!

7. Juni 2012

Quantität und Qualität

Diese beiden Begriffe befinden sich nicht im Widerspruch zueinander, denn alle quantitativen Angaben beziehen sich auf bestimmte Qualitäten, die durch die quantitativen Angaben mengenmäßig erfasst werden.

Für Paracelsus hingen beide Begriffe noch zusammen: "Alle Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding' kein Gift ist."
Für staatliche  Bildungsinstitutionen gilt aber wohl nur das Quantum des Angestrebten bzw. Erreichten. In den letzten Tagen ging nämlich eine Meldung durch die Zeitungen, dass in der BRD der Ausbau der Ganztagesangebote zügig voran kommt, dabei aber ein konzeptionelles Vakuum herrscht.



Dieser Meinung sind wir schon seit langem. "Ganztag" kann sich alles nennen, sei er echt rhythmisiert mit externen Kooperationspartnern oder sei er nur in den Nachmittag verlängerter Vormittagsunterricht mit einer 1€-Aufsicht. Offene und gebundene, d.h. rhythmisierte Ganztagsschulen, unterscheiden sich bundesweit erheblich in Zeitstruktur, Kooperationen, Angeboten und individueller Förderung.
Auch beim quantitativen Ausbau bestehen große Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Die meisten Ganztagsschulen gibt es in Sachsen. Dort haben 96,5 Prozent aller Schulen Ganztagsangebote, es nutzen mit 73,3 Prozent auch die meisten Schüler entsprechende Angebote. Den bundesweit geringsten Anteil von Schülern, die ganztägig zum Unterricht gehen, hat Bayern mit 10,5 Prozent
Dies alles hat das Deutsche Jugendinstitut (DJI) aus München im Auftrag der Bertelsmann Stiftung heraugefunden.

1. Juni 2012

Sieh an, Lehrkräfte benoten fair!

Das Wissenschaftszentrum Berlin hat es herausgefunden: Bei gleicher Leistung und sozialer Herkunft halten LehrerInnen Migrantenkinder genauso "gymnasialtauglich" wie Kinder mit deutschem Hintergrund. Wenn Schüler - egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund -  nicht für den Übertritt empfohlen werden, liegt das an anderen Kriterien wie z. B. schlechterer Leistung oder ärmerer Herkunft.
Die Bildungsforscherin Cornelia Gresch, die das herausfand, meint, dass LehrerInnen die Nachteile von Migrantenkindern sogar ausgleichen. Das rückt unsere Zunft doch in ein besseres Licht, oder?


Well the dawn was coming,
heard him ringing on my bell.
He said, "My name's the teacher,
that is what I call myself.
And I have a lesson
that I must impart to you.
It's an old expression
but I must insist it's true.

Jump up, look around,
find yourself some fun,
no sense in sitting there hating everyone.
No man's an island and his castle isn't home,
the nest is full of nothing when the bird has flown.''

So I took a journey,
threw my world into the sea.
With me went the teacher
who found fun instead of me.

Hey man, what's the plan, what was that you said?
Sun-tanned, drink in hand, lying there in bed.
I try to socialize but I can't seem to find
what I was looking for, got something on my mind.

Then the teacher told me
it had been a lot of fun.
Thanked me for his ticket
and all that I had done.

Hey man, what's the plan, what was that you said?
Sun-tanned, drink in hand, lying there in bed.
I try to socialize but I can't seem to find
what I was looking for, got something on my mind.


30. Mai 2012

Deutschlands arme Kinder

titelte die taz am 30. 05. 2012 auf der Seite drei.
1,2 Millionen Kinder in Deutschland leben in Armut - was immer das heißen mag.  Die Zeitung schreibt, dass sie auf "grundlegende Güter" wie regelmäßige Mahlzeiten oder Teilhabe an Freizeitaktivitäten verzichten müssen. Staaten, deren wirtschaftliches Aufkommen dem Deutschlands vergleichbar ist (Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden) schneiden bei der Untersuchung von Kinderarmut wesentlich besser ab.
In einer Unicef-Studie wurden 14 Indikatoren untersucht: Neben anderen zählen dazu "regelmäßige Mahlzeiten, Zeit und Raum für Hausaufgaben, ein Internetanschluss, altersgerechte Bücher und Spielgeräte, Geld für Schulausflüge, mehr als zwei paar Schuhe, die Versorgung mit Obst und Gemüse". Wenn ein Kind auf mehr als zwei dieser Kriterien verzichten muss, gilt es als arm.
Die Kinder in Deutschland verzichten in erster Linie auf regelmäßige Freizeitaktivitäten, warme Mahlzeiten und auf den Hausaufgabenplatz, so Gordon Alexander vom Unicef-Forschungszentrum in Florenz.
Warum steigt die Kinderarmut?
Die harten Sparprogramme der Regierungen sind dafür verantwortlich, und dass das Wohl der Kinder nicht im Fokus steht.


Und dann stand noch eine kleine Notiz in der SZ vom selben Tag: Über 200000 Hartz-IV-Empfänger bekommen den Strom abgedreht, weil sie ihn nicht mehr bezahlen können.
Warme Mahlzeiten? Licht beim Lernen?

29. Mai 2012

Vielen Dank, Frau K.!

Heute in der SZ als Leserbrief:
Eine Stimme, die sich wohltuend von der Münchner Schulleiterschaft abhebt.

18. Mai 2012

Banca rotta

Jetzt ist es öffentlich: Teile der Stadtverwaltung - hier das Referat für Bildung und Sport - können ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen.
Zu wenig Personal. Die Arbeit bleibt liegen. Frei werdende Stellen werden nicht nachbesetzt.
Dazu kommen massive Einsparungen bei der Zuteilung von Mitteln, beim Ausbau und der Sanierung von Schulen.
Was zumindest uns Schulleitern schon lange klar war, ist jetzt öffentlich bekannt gemacht worden (SZ vom 18.5.2012).
Und zwar vom Herrn Stadtschulrat selbst, in einem Brandbrief. Wir hatten ihm das anlässlich eines Besuchs unserer Schule bereits vor anderthalb Jahren gesagt. Eine zynische Reaktion folgte:
Er meinte, wir könnten unser spezielles Problem dadurch lösen, indem die Ganztageskinder im Klassenzimmer aus Schüsselchen essen und diese dann im Waschbecken abspülen. (Das Gesundheitsreferat lauert schon und freut sich.)
Und die vorhandene Raumnot könne dadurch bekämpft werden, indem auf den Gängen Möbel verschraubt werden und dort dann unterrichtet wird. (Die Branddirektion wartet nur auf solche Maßnahmen, um dann dagegen einzuschreiten.)
Letzten Endes hat der Stadtrat, der dem Bildungsreferat jetzt im Nachhinein 27,5 neue Stellen genehmigte, das Problem durch seine rigorose Sparpolitik verursacht. Gespart wurde nicht bei der Olympiabewerbung oder dem bevorstehenden Flughafenausbau und den dazu gehörigen Parties, gespart wird bei den Schwächsten. Im Referat für Bildung und Sport, im Sozialreferat.
Weiter so!

16. Mai 2012

Es liegt nur am Engagement - alles weitere findet sich...

...dann schon irgendwo.
Eine hoch engagierte Kollegin, mittlerweile Leiterin einer Grundschule in einem nicht einfachen Viertel der Stadt, hat seit einigen Monaten hohe Medienpräsenz. Zuletzt trat sie immer auf als Befürworterin eines Ganztageszugs an Grundschulen. Und es klappt an ihrer Schule, obwohl laut ihren Worten Ausstattung und Räumlichkeiten zu wünschen übrig lassen und die nötige Unterstützung von Anfang an fehlte.
"Doch obwohl wir das alles immer noch entbehren, funktioniert der Betrieb reibungslos", sagt die Rektorin (SZ vom 16.05.2012, Lokalteil).
Ja, wenn alles reibungslos funktioniert, wieso soll dann überhaupt die Stadt An- und Umbauten auf den Weg bringen, wieso soll dann der Staat mehr Geld und Lehrerstunden für den Ganztag zur Verfügung stellen? Wo ist der Grund für endlich mehr Ressourcen im Ganztagesbetrieb?
Irgendetwas stimmt doch nicht!

11. Mai 2012

Kulturelle Bildung für die Unterschicht

sollte  für die 3-18jährigen aus "bildungsfernen Familien" angeboten werden. 2010 hieß es, es stünde für die kommende Legislaturperiode eine Milliarde € (in Zahl: 1.000.000.000 €) dafür bereit. Jetzt sind es nur noch 30 Millionen € (30.000.000 €). Der Grund? Man fördere ja schon über das Bildungspaket Hartz-IV-Familien. Und "beide Maßnahmen ... fördern auf unterschiedlichen Wegen benachteiligte Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung." (Bundesministerium für Bildung und Forschung)


Stiftungen und Vereine sollen jetzt bis Ende Juli Konzepte entwickeln, wie das verbleibende Geld an die kulturelle Unterschicht kommen soll. Da geht nochmal viel Geld in Rauch auf.
Wir überlegen ständig, seit Jahren, wie wir kulturelle Bildung dauerhaft in der Schule verankern können. Hätten wir jedes Jahr 20.000 € von der ursprünglich veranschlagten Milliarde, wir wüßten, was wir damit machen, das Geld wäre gut angelegt.
Aber der Staat kauft ja lieber tonnenweise Zement, um die bestehenden Verhältnisse zu betonieren.

9. Mai 2012

Wegen Facebook?

Ich halte bekanntermaßen sehr wenig von der Kommunikation über Facebook, noch weniger, wenn Lehrkräfte und Schüler sich auf dieser Plattform gemeinsam tummeln.
In Passau wurde Ende April ein Lehrer einer kirchlichen Schule vom Dienst suspendiert, weil er eben dieses tat. Die Inhalte der Unterhaltung sollen weder anstößig, obszön noch Ärgernis erregend gewesen sein.
Was steckt in Wirklichkeit dahinter?

6. Mai 2012

Azubimangel für Betriebe

Das ist das Ergebnis des Berufsbildungsberichts 2012.
Wie das?
Die Zahl der Schulabgänger ohne Hochschulzugang - also vor allem der HauptMittel- und Förderschüler - verringert sich um 20 %. Gute Zeiten, oder?
Wenn wir nur genügend SchülerInnen zur Ausbildungsreife brächten, das ist nämlich die Krux.
Und dann will jeder Junge Kfz-Mechatroniker werden, auch wenn die Noten in Mathe und PCB nur ausreichend sind.
Ich wiederhole mich. Da helfen nur: Längere Schulzeit, bessere Unterstützung der Schulen durch Bereitstellung entsprechender Ressourcen.

28. April 2012

Eine neue Studie - diesmal in München

"Geht die soziale Schere immer weiter auseinander? Eine neue Studie zur Benachteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund alarmiert den Stadtrat. Die Übertrittsquoten in den Stadtviertel variieren zwischen 15 und mehr als 90 Prozent" - so weit Sven Loerzer mit der Überschrift "Es macht uns traurig"  in der SZ vom 28.04.2012.
Eine neue Studie, diesmal vom Referat für Bildung und Sport der Landeshauptstadt. Eine Studie, "deren Zusammenhänge traurig stimmen", und zwar die Stadträtin Birgit Volk.


Das Referat für Bildung und Sport will noch im Sommer eine bedarfsorientierte Budgetierung für Schulen vorlegen. Das klingt gut. Wie das aber aussieht, muss sich erst weisen.
Was wir in erster Linie von der Stadt brauchen, sind zwei bis drei zusätzliche Räume, um die extreme Raumnot zu lindern und der Grundschule im Haus den Ganztageszug zu ermöglichen.
Und was wir noch brauchen, und zwar auch in erster Linie, aber vom Staat, sind ausreichend Lehrerstunden.
Sonst ändert sich gar nichts. Und in fünf Jahren gibt es wieder eine Studie, mit den selben Zahlen und Inhalten.

27. April 2012

LesepatInnen II

Frau W, eine pensionierte HauptMittelschullehrerin, arbeitet seit vielen Jahren bei uns. Dreimal die Woche am Vormittag. Zudem betreut sie die Bücherei.
Die KollegInnen schicken ihr aus dem Unterricht ein bis zwei Kinder. Mit denen übt sie. Grundrechenarten. Textverständnis. Lernt auf die nächste Probe. Erklärt. Macht Mut.
Sie kann nur mit ein bis zwei Schülern arbeiten, nicht mit einer ganzen Klasse. Deswegen ist sie für den Staat unbrauchbar.
Für uns ist sie Gold wert. Wir tragen sie auf Händen.
Kommt ein unbegleiteter Flüchtling bei uns an, der noch nicht gut Deutsch spricht, dann springt sie ein. Sie ist die Güte in Person. Kann sich dem Kind zuwenden. Lächelt. Hört zu.
Wir können ihr nicht einmal die Fahrkarte bezahlen.
Anerkennung? Die bekommt sie bei uns. Grenzenlos.
Gesellschaftliche Anerkennung? Steuervorteile? Freie Eintritte in kommunale und staatliche Einrichtungen? (Dafür arbeitet sie zu wenig Stunden) Verdienstorden?
Wir fürchten uns vor dem Tag an dem sie sagt, sie möchte/muss jetzt aufhören.

Lespatinnen I

25. April 2012

Lehrer klagen über Schüler - neueste Umfrage

Die Vodafone-Stiftung ließ untersuchen.
Ich freue mich schon auf die nächste Studie, egal von wem initiiert.


Was wir schon immer wussten:
"90 Prozent der Lehrer glauben jedenfalls, dass die soziale Schicht des Elternhauses maßgeblichen Einfluss auf die Schulleistungen des Kindes hat."
Glaube: 
"Während etwa mehr als ein Viertel der Eltern glaubt, dass die Lehrer Schüler auch durch die soziale Brille betrachten und Schüler aus einfachen Verhältnissen bei der Benotung benachteiligen, meint nur jeder zehnte Lehrer, dass das Elternhaus eines Kindes die Notengebung der Kollegen beeinflusst." 
Lieber Cyber-Teaching:
"Kritik übten viele befragte Lehrer an ihrer Ausbildung. So fühlt sich jeder zweite unzureichend auf den Beruf vorbereitet; überrascht sind offenbar viele, wenn sie dann auf leibhaftige Schüler stoßen."
Na so was:
"Jede zweite Lehrer glaubt, dass das Unterrichten in den letzten zehn Jahren schwieriger geworden ist. Ein wichtiger Grund für die mangelnde Attraktivität ihres Berufs ist nach Ansicht der Pädagogen, dass die Schule immer mehr Aufgaben des Elternhauses übernehmen müsse."
Wie überall:
"Besonders Lehrer an Haupt-, Real- und Sekundarschulen, also Schulformen, die jenseits des Gymnasiums existieren, beschweren sich über zunehmende Belastungen."
Ganz neu: 
"Jede zweite Lehrer glaubt, dass das Unterrichten in den letzten zehn Jahren schwieriger geworden ist. Ein wichtiger Grund für die mangelnde Attraktivität ihres Berufs ist nach Ansicht der Pädagogen, dass die Schule immer mehr Aufgaben des Elternhauses übernehmen müsse."

Gut, dass die Stiftung viel Geld für die Untersuchung ausgegeben hat. Sonst hätten wir es nicht gewusst.
Die Zitate sind aus der taz vom 25.04.2012

23. April 2012

Inklusion die III.


Heute fand an der Schule eine Veranstaltung zur Inklusion statt, sehr gut vorbereitet mit Vortrag und Unterrichtshospitationen, Pausensnacks und ausreichend Diskussionszeit.
Eingeladen hatten wir als Schule, weil selbsternannte ExpertInnen eines großen und einflussreichen Arbeitskreises seit langem verquere Ideen über Integration und Inklusion verbreiten und am liebsten die Förderzentren abgeschafft sähen.
Es kamen drei Damen des Schulreferats Referats für Bildung und Sport, eine kompetente und einsichtige Dame des oben erwähnten Arbeitskeises, drei FörderschullehrerInnen, eine Lehrerin einer Verbundsschule, eine Schulleiterin eines Förderzentrums und die Stellvertreterin der Nachbarschule.
Tja, ein bisschen wenig für den ganzen Aufwand. Die Diskussion war sehr gut, von verständigen Leuten geführt.
Aber letzten Endes blieben wir unter uns. Dabei wissen wir ja schon um die Problematik.

12. April 2012

Das schlechte Gewissen der LehrerInnen

"Jetzt hast Du ja schon wieder Ferien"
"Ist Dir nicht langweilig?"
"Lehrer müsste man sein!"
Es ist nun ja nicht so wie in vielen Behörden, dass das, was nicht geschafft wird, liegen bleibt. Und irgendwann abgearbeitet wird.
In der Schule müssen die Kunden sofort bedient werden.

Unterricht, Konferenzen, Fortbildungen.
Nach Unterrichtsschluss folgen dannTelefonate mit: Sozialbürgerhaus, Polizei, Eltern, anderen Behörden, FilmDVD-Stelle, Verlagen, Schullandheimen, Firmen wg. Praktikumsstellen, Jobcenter, Arbeitsagentur, Nachbarschulen, externen Kooperationspartnern, Stiftungen, Lesepaten, Jobmentoren, sonstigen Ehrenamtlichen, und die Hälfte ist bei der Aufzählung noch vergessen, Schülergespräche, Elterngespräche, dann Vorbereitung, dann Korrektur..
Schon ist es 16 Uhr, also 9 Stunden Arbeit bei  maximal 30 Minuten Pause.


Zu Hause Familie, Kochen, Abendessen, wer kleine Kinder hat..., dann wieder Schreibtisch.
Schon ist es 22 Uhr.
Arbeitsmediziner haben übrigens heraus gefunden, dass die Arbeitsbelastung einer Lehrkraft der von Kampfjetpiloten entspricht (bestimmte Hormonausschüttungen als Parameter), die aber mit 49 Jahren in Ruhestand gehen.
Das Wochenende verkürzt sich auf einen Tag, meistens Samstag, weil am Sonntag schon wieder die Woche geplant und vorbereitet wird.
Ja, dann gibt es Ferien.
Projekte werden geplant. Arbeiten korrigiert. Lehr-und Stoffverteilungspläne geschrieben bzw. überarbeitet.
Museumsbesuche vorbereitet. Fortbildungen besucht. Das, was immer schon liegen blieb, aufgearbeitet.
Ja, und dann auch ein wenig durchgeschnauft, gefaulenzt, gebaumelt, erholt.
Sind die Ferien bei 50 Wochenstunden (bei mir sind es 60) zu viel?
Schluss jetzt mit dem Hauch eines schlechten Gewissens! Wir müssten manchmal noch mehr Ferien einfordern.

11. April 2012

Karl-Markus Gauß: Ruhm am Nachmittag

Ferien sind auch zum Lesen da.
Die Bücher von Karl-Markus Gauß, einem österreichischen Schriftsteller und Publizisten, sind sehr empfehlenswert.
Er schrieb über aussterbende Volks- oder Religionsgemeinschaften in Europa, reiste den Spuren untergegangener Kulturen Mitteleuropas des 19. und 20. Jahrhunderts nach.
In den letzten vier Büchern begleitete er beispielsweise die Entwicklung des ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends. Er schreibt kurze, feuilletonistische, scheinbar wenig zusammenhängende Artikel, die sich aber Seiten später wieder zu einem Ganzen fügen.
Sein bislang letztes Buch, im März 2012 erschienen:
Der Titel bezieht sich auf verblödende Nachmittagssendungen im Fernsehen, in denen es für manche Menschen das höchste Ziel ist, in Talkshows ihr Leben, ihre Streitereien, ihr Schicksal zu offenbaren.
Über den Amoklauf von Winnenden, über den Niedergang (nicht nur) des österreichischen Sozialstaats und den Verfall der Universitäten, über Hochstapler und Dummköpfe schreibt Karl Markus Gauß. Und es ist höchst vergnüglich zu beobachten, wie er kein Blatt vor den Mund nimmt.
Gauß ist sehr gebildet und belesen und läßt seine Leser an seinem profunden geschichtlichen und literarischen Wissen teilhaben.

8. April 2012

Deutschsein - Eine Aufklärungsschrift von Zafer Şenocak

Wohltuende Ferienlektüre nach der MuezSarrazin-Diskussion über das sich abschaffende Deutschland, die 2010/11 die Medien dominierte.

(Zitat Sarrazin aus einem Interview in Lettre International 86, S. 199, vom September 2009, zur Erinnerung: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. […] Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert. Jemanden, der nichts tut, muss ich auch nicht anerkennen. Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.“)

Zafer traf ich zum ersten Mal in den 80er Jahren, als er im Münchner Literaturbüro (arbeitete) und las. Einige Jahre später zog er nach Berlin; hin und wieder hörteman von ihm bzw. las  ich etwas in der taz.
Im letzten Jahr veröffentlichte er in der edition Körber-Stiftung ein Buch:




















1970 kam er nach Deutschland. Er studierte in München Germanistik, Politik und Philosophie. Seit 1979 veröffentlichte er Gedichte, Essays und Erzählungen in deutscher Sprache, seit Mitte der 80er Jahre arbeitet er an literarischen Übersetzungen türkischer Autoren. Er lebt seit 1990 in Berlin, schreibt für verschiedene Zeitungen und Radiosender zum Themenbereich Orient-Okzident und zur türkischen Kultur und Literatur. Außerdem ist er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Sirene.

Er schreibt über das Zusammenleben von Deutschen und zugezogenen Mitbürgern. Die deutsche Sprache sieht er als wichtige, in der Integrationsdebatte vernachlässigte Größe:
 „Sprache fließt, berührt und erzeugt Lust. Nichts ist von dieser Lust spürbar, wenn in Deutschland über Integration und Sprachdefizite gesprochen wird. Es herrscht die kühle Atmosphäre eines Labors. Man spricht über Einwanderung oft so, als ginge es dabei um chemische Formeln. Wo bleiben die Wörter, die schmecken, berühren und berauschen?“
 Die Vorstellung, in Deutschland gebe es eine homogene Nation, funktioniert nicht, sagt er - und das nicht erst, seitdem die so genannten Gastarbeiter in die Bundesrepublik gekommen sind. Statt andere auszugrenzen - durch den pauschalen Rückgriff auf Religion und Abstammung - plädiert er dafür, einen rationaleren Weg der Auseinandersetzung zu suchen.
Statt Angst vor Überfremdung und Kulturverlust wünscht sich Zafer Şenocak mehr Vernunft in der Debatte. Eine Vernunft, die sich auf die Gedanken der Aufklärung und die allgemeinen Menschenrechte bezieht. Nur dadurch sei das Zusammenleben in einer offenen und pluralistischen Gesellschaft letztendlich möglich.

aus Atlas des tropischen Deutschland. Essays. Berlin: Babel Verlag, 1992 :
Dialog über die dritte Sprache
Deutsche Türken und ihre Zukunft
"Kannst du jetzt verstehen, warum ich gerne dort lebe? Deutschland ist ein Land, das man vor Sehnsucht hasst. Eine Sehnsucht, die man unbedingt tilgen muss. Ein Land, in dem sich jede Art von Fröhlichkeit in Trauer verwandelt. Für jeden Zungenschlag und jeden Fußtritt gibt es Vereine und Verbände, und der Staat kassiert Geld für den Glauben an Gott. Du musst dir mal vorstellen, wie schwierig es für einen Deutschen sein muss: alle beneiden ihn wegen seines Erfolgs und seines Reichtums und wegen der Schönheit seines Landes, aber keiner liebt ihn. Er hasst die anderen für das, was sie an ihm bewundern. Er ist wie ein unglücklicher Verliebter, dessen Verzweiflung mal Unvorstellbares erschafft, mal unvorstellbar zerstört. Er ist einsam."

Link zur Bibliografie Zafer Şenocaks bei der Boschstiftung: http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/14976.asp

4. April 2012

Was gesagt werden muss

(auch wenn es mit meinem Blogthema nicht direkt etwas zu tun hat)

Von Günter Grass

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird. 

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird


Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.