2. Juli 2012

Rasende Wurstpellen

Sie lassen im Sommer ihren Audi oder BMW zu Hause stehen.
Sie rasen heran: Helm, Sonnenbrille, Rucksack, Handschuhe, enges Trikot und wurstpellenartige kurze Hose - die aber auch bei 4°C - und die Fahrradschuhe mit den Pedalen verklickt.
Teilweise sind sie schon eine größere Gefahr für Radler als Autos, zumindest was meinen Schulweg betrifft.
Der geht über den Fluß, an Feldern vorbei, durch Blumenwiesen, am Morgen und am Spätnachmittag die Sonne im Rücken. An gemütliches Fahrradfahen, an Schauen und Genießen, an Nach- oder Vordenken eines Gesprächs ist nicht zu denken.
Es gibt eine neue Spezies von Radlern, die verbissen keuchend, im Frühling und Herbst Dampfwolken ausstoßend, im Sommer schweißtriefend trotz Funktionswäsche, in die Arbeit radeln. Aber so, als müsste jeden Tag der Rekord vom Vortag unterboten werden. Kommt es zu einer Radwegkreuzung, so halten sie unvermindert darauf zu; alle anderen Radler stieben auseinander. Der Alte, der langsam daher gondelt, ist schließlich selbst schuld, wenn er nicht merkt, dass da ein aggressiver Mitradler daher kommt. Selbst schuld, wenn er erschrickt und vom Rad springt und beinahe umfällt. Mittlerweile ist der Biker schon 50 m weiter. Schlechtes Wetter hält nicht ab. Zähnefletschend wird durchgehalten.
Die Radwegkurve, in beiden Richtungen befahrbar, ein wenig zugewachsen von hohen Büschen, wird geschnitten. Der langsame Gegenradler fährt 10 km/h, verrenkt sich den Hals nach vorne schauend, damit er sich rechtzeitig in den Zaun neben ihm fallen lassen kann.
Das sind die Dauerblinker auf der Autobahn. Das sind die, die innerhalb der Stadt einen ruhig fahrenden Twingo mit 90 km/h überholen, nach eindringlichem Hupen.
Sind das liebevolle, verständige Väter? Einfühlsame Ehemänner?
Manchmal habe ich den Eindruck, es sind Maschinen. Kampfmaschinen. Die sich auf die Konkurrenzsituation im Büro oder im Geschäft schon einstimmen, auf Kosten der anderen Radfahrer.

Kommentare:

  1. Ich kann Ihren Unmut verstehen, finde die Pauschalisierung am Ende aber nicht richtig.
    Ich habe hier auch so nen Fahrradverrückten (Mountainbike) zu Hause, der auch gerne schnell zur Arbeit radelt. Und danach fährt er oft noch ne Runde (d.h. ca. 40 km) durch den Wald als Training. Letztes Jahr hat er eine Transalp gemacht ;)
    Ich weiß nicht, ob er beim radeln im Straßenverkehr rücksichtslos (in den Augen anderer) ist - ich bin mit ihm noch nie schnell gefahren, weil ich nie hinterher komme ;)
    Ich kann Ihnen aber versichern, dass er ein einfühlsamer Ehemann ist, keine Kampfmaschine und im Job keine krasse Konkurrenzsituation hat, weswegen er aggressiv scheint ;)
    Trotzdem wünsche ich Ihnen weiterhin genug Ruhe und eine unfallfreie Fahrt :)
    LG

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  2. Ja, liebe Frau Elfin,
    fahrradverrückt bin ich auch. Ich interessiere mich seit meiner Jugend für Fahrradtechnik. Habe selbst ein wunderbares Allterrainbike. Bin auch schon über die Dolomiten nach Venedig geradelt. Glaube Ihnen auch den einfühlsamen Partner. Aber vielleicht ist es hier im Süden immer krasser als im Rest der Republik. Hier gibt es auch mehr SUVs, mehr BMWs und Audis.

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  3. Ich bin regelmäßiger Biker (Straße, MTB) und fahre im Beisein anderer bzw. in der Stadt per se sehr defensiv. Unfälle und Rüpel braucht niemand.
    Ich erlebe nichtsdestotrotz des öfteren mal, dass Genussfahrer -gerade wenn sie zu zweit oder zu mehreren unterwegs sind- den Rest schlicht ignorieren. "Du willst vorbei? Mir doch egal. Ich schwätze weiterhin mit meinem Kompagnon und fahre Schlangenlinien dabei".
    Man ist im öffentlichen Raum IMMER als VERKEHRSTEILNEHMER unterwegs und sollte die erforderliche Sorgfalt auch beim genüsslichen Ausflug im Grünen aufbringen. Wenn ich mit dem Auto eine Spritztour auf dem Land unternehme, schaue ich schließlich auch nicht die ganze Zeit nach links und rechts, ohne auf den Verkehr zu achten.
    Eben das wird von radelnden Rentergrüppchen und Familien so gern vernachlässigt. Wenn mann dann schön soft auf dem Grünstreifen überholt, weil man dann doch irgendwann vorbei möchte, ist man gleich das Ar*******. Alles schon gehört und erlebt.

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