22. April 2013

Wofür Lehrer nicht bezahlt werden

In einem SPIEGEL-Interview verrät der von mir durchaus geschätzte Bildungsforscher John Hattie, wofür Lehrkräfte bezahlt werden:
"Dass er (i.e. der Lehrer) sich seiner eigenen Wirkung bewusst ist und sich fortlaufend überprüft. Dass er Stoff mit Leidenschaft vermittelt. Dass er sich dafür zuständig fühlt, dass alle Kinder in seiner Klasse etwas lernen, nicht nur einige wenige. Dass er eine Geisteshaltung mit ins Klassenzimmer bringt, die zum Lernen ermutigt und Fehler zulässt. Dass er anspruchsvolle Ziele vorgibt. Dafür werden Lehrer bezahlt." (SPIEGEL vom 22.4.2013)
Fragt sich, wofür werden LehrerInnen nicht bezahlt?
Dass sie Fortbildungen halten und an solchen teilnehmen. Dass sie Büroarbeit verrichten, weil es zu wenig Sekretärinnenstunden gibt. Dass sie Kindern zu einem Frühstück verhelfen. Dass sie mit Behörden und Ämtern verhandeln und sich mit schwerfälligen Apparaten herumschlagen. Dass sie Kinder unterbringen und in Obhut nehmen lassen. Dass sie - je nach Schulart und Fach - so viel korrigieren, dass die kleinen Ferien locker aufgefressen werden. Dass sie Schule entwickeln. Dass sie Förderpläne schreiben, auch wenn sie nicht dafür ausgebildet sind. Dass sie Vertretungsstunden über ein erträgliches Maß hinaus halten. Dass sie nicht in Ruhe gelassen werden, sondern alle drei Monate mit sich zum Teil widerrufenden Vorschriften belästigt werden. Dass sie in der Klasse mit einer Bildungsspanne konfrontiert sind, die beinahe nicht mehr zu überschauen ist. Dass sie inkludieren ohne dass genügend Mittel bereitgestellt werden. Dass sie den Ganztag mit unzureichenden Ressourcen stemmen. Dass sie junge KollegInnen an der Hand nehmen und in die Strukturen der Arbeitsplätze einführen. Dass ...


Kommentare:

  1. Ihre drei Punkte am Ende des Blogs sagen schon das Richtige aus. Die Aufzählung könnte man noch ellenlang fortführen.

    Nun ist es aber so, dass man die Aufgaben mit Engagement erfüllt oder eben nicht. Letzteres resultiert dann nach meinen Erfahrungen meist nicht aus einer gewissen Faulheit ;), sondern aus einer Resignation gegenüber einer (Über-)Fülle an Nebenschauplätzen im Schulalltag.

    So weit bin ich zwar noch nicht ;), aber ich denke darüber nach, mehr als einen Gang zurück zu schalten. Das finde ich schon bedenklich.

    Zusammengefasst: Die Schüler sind in der heutigen Schule eher das kleinere Problem.

    Vielen Dank an dieser Stelle auch an das Kultusministerium in Thüringen, welches uns mit ihren heiß- und schnellgestrickten Reförmchen überhäuft und in Konfliktfällen alleine lässt.

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  2. Dem ist nicht mehr viel zuzufügen.

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  3. Der Kollege aus Thüringen beschreibt die Situation treffend: Man horcht in sich hinein, ob man die zusätzlichen Aufgaben noch ohne gesundheitliche Schäden bewältigen kann. Niemand wird dies anerkennen, niemand wird einem zur Seite stehen. Fakt ist: Der Lehrer soll neben einem hoch qualifiziertem Unterricht mit Individualisierung und hohem organisierten Eigenanteil der Schüler (selbstverständlich je nach dem individuellen Vermögen) den Unterricht vorbereiten und halten. Dabei hat er noch Spezialist bei lernpsychologischen Defiziten zu sein und sich um die Aufarbeitung zu kümmern. Dabei führt er einen kleinen Betreib mit bis zu 30 kleinen Mitarbeitern, die in ihrer persönlichen Entwicklung anerkannt und gefördert werden wollen und dazu auch noch ein Recht haben! Besprechungen und Absprachen finden selbstverständlich in der Freizeit statt (Elterngespräche, Absprachen mit Kollegen, anderen Insitutionen wie dem Jugendamt...). Zunehmend herrscht die Auffassung, dass für Erziehung allein der Lehrer verantwortlich ist und somit bei Nichtrealisierung der persönliche Ziele einen idealen Sündenbock abgibt. Die Politik greift dies nur allzu dankbar auf: Egal wie exotisch die politischen Vorgaben für Schulen sind, der Sündenbock steht von vorneherein fest: Lehrer. So sind die Politiker, die ja auch keine Pädagogen sind, immer fein raus. Schließlich kann bei dieser Thematik jeder mitreden - sind wir nicht alle zur Schule gegangen? Jeder ist Spezialist auf dem pädagogischen Gebiet, ein Blödmann, der das auch noch studiert. Und die "faulen Säcke" müssen sich gefälligst anstrengen, gibt es nicht gigantisch viele Ferien? Als Nicht-Lehrer: Wer hat schon mal die Vorbereitung eines Lehrers gesehen? Wer kann das wirklich beurteilen? Hat ein Verkäufer schon einmal Reklamationen mit viel persönlichem Verständnis und Höflichkeit abends von seinem privaten Telefonanschluss getätigt und sich dabei geduldig die familiären Schwierigkeiten angehört? Oder kennen Sie einen Handwerker, der sich abends die persönlichen Probleme von Kind und Kegel schildern lässt und selbstverständlich die Schrankwand perfekt aufbaut, dabei die finaziellen Engpässe berücksichtigt, dabei mehrmals im Monat beim Kunden anruft um ihn zu ermuntern wenigstens Teilbeträge dafür zu entrichten? Nun, wenn Sie sich dies gut vorstellen könnten, werden Sie Lehrer!!!

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    1. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Danke.

      Gruß
      Frau Hilde

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  4. Gesundheitliche Schäden sind ein gutes Stichwort.
    Dabei will ich nicht nur an die Lehrergesundheit an sich denken, sondern auch perspektivisch:
    Es fallen schon derzeit viele Stunden aus. Viel zu viele! Die Eltern beschweren sich, zu Recht.
    Wie wird die Schul- und Lehrersituation in 10 Jahren sein? Noch mehr Burn-Out-Fälle? Noch mehr Stundenausfall?

    Noch eine Ergänzung zum Verständnis: In Thüringen beträgt das Stundensoll (Unterrichtsstunden) 26 in Vollzeit für die Regelschule (Haupt- und Realschulkurse). Dies entspricht 40 Zeitstunden.

    Die "überzählige" Zeit ist für die Erledigung sämtlicher Aufgaben, die nebenher anfallen gedacht. Damit kommt man zurecht, wenn man seine Aufgaben möglichst lachs und ohne großartiges Engagement erfüllt. Eben: gerade so erledigt.

    Das sind dann auch die Kollegen, von denen gern mal als "faule Säcke" gesprochen wird. Diese Beispiele werden gern mal zur Veranschaulichung des relaxten Lehrerdaseins herangezogen.

    Wenn man Klassenleiter ist, am Besten von einer Hauptschulklasse (in welcher die sozialen Probleme sich leider häufen) und hat auch noch die eine oder/und andere Funktion, wird es schon ganz schwierig mit den 40 Zeitstunden.*

    Ich möchte mal hier eine Lanze brechen für mein Kollegium und sagen: die "faulen Säcke" sind deutlich in der Minderzahl!

    *
    Jeder Beruf hat seine spezifischen Belastungen. Mir geht es gar nicht darum, hier zu jammern. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Persönlichkeit des Lehrers, eine weitaus größere Rolle spielt im Alltag, als alle im Studium erworbenen Qualifikationen.



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    1. Nicht nur die Lehrerpersönlichkeit, sondern auch die Einsicht,
      der Wille und die Fähigkeit, Beziehungen zur Klasse und zu schwierigen Schülern aufzubauen spielen eine große Rolle. Und nicht die Probleme, mit denen die bedauernswerten Referendare (siehe ihre Blogs) gequält werden.

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