3. Juli 2014

Integration - nicht die Spur!

Seit meinem frühesten Lehrerleben rege ich mich tierisch auf über muslimische Väter - ja, es sind die Väter - die ihre Töchter nicht mit ins Schullandheim fahren lassen.
Damals, in den 80ern, machte ich mit meiner Kollegin einen Hausbesuch, um den Vater zu überzeugen, Mihri I mitfahren zu lassen. Er, in der Türkei geboren, nahm ein Blatt Papier und machte einen Bleistiftstrich drauf. Er wollte uns damit die Ehre seiner Tochter nach einer Klassenfahrt veranschaulichen.
Ich nahm Mihri I, die damals furchtbar litt, das Versprechen ab, bei ihrer Tochter einmal anders zu entscheiden. Wir sind immer noch in (telefonischem - sie ist weit weggezogen) Kontakt und sie hat drei Söhne und eine Tochter. Die Tochter darf alles mitmachen, was das deutsche Schulsystem anbietet. Prima.
Aktuell geht es darum, Mihri II in das Leuphana-Sommercamp zu schicken, drei Wochen im August, kostenlos. Würden Eltern diese Maßnahme bezahlen, müssten sie mehr als 4000.-€ dafür auf den Tisch legen. Die Maßnahme wird von der IHK und der Arbeitagentur finanziert. Aber um Geld geht es nicht. Uns geht es darum, SchülerInnen zu stärken. Starke Schule - Starke SchülerInnen.
Mihri II möchte unbedingt dorthin. Zusätzlich würde sie ein Schuljahr mit zwei Wochenstunden nachbetreut und bekäme in den Osterferien eine Woche Qualivorbereitung vor Ort. Diese beiden Module hätte der Vater gern gebucht. Das geht aber nicht.


Ich bat noch eine türkische Unterstützerin um Hilfe, eine Kopftuchfrau, sehr gebildet, sehr anerkannt im Quartier. Ihr sagte der Vater, Mihri II wolle ja gar nicht - was nicht stimmt - ; ich frage mich, seit wann in türkischen Familien Kinder entscheiden dürfen, was sie wollen.
Der Vater wurde in der BRD geboren, ging in unsere Schule.
Es läuft etwas verkehrt.

Kommentare:

  1. Diese frustrierenden Erfahrungen werden wir immer wieder machen müssen, da man sich auf keiner Seite um wahre Integration bemüht. Diese besteht nämlich keineswegs in einer großzügigen Vergabe des deutschen Passes und alles andere erledigt sich mit der Zeit,gemeint ist die friedvolle Vermschmelzung der Völker. Vermutlich hat dieser Vater eine streng konservative Erziehung erfahren. Diesen Gedankengang kann man weiter spinnen: In einem Ghetto aufgewachsen, in dem er nur Kinder mit ähnlichem kulturellem Hintergrund kennen gelernt hat, gelang es ihm vermutlich auch nicht, seinen deutschen Wortschatz zu erweitern. Früh wurde er vermutlich mit einem Mädchen aus Anatolien verheiratet. Dieser gelang es überhaupt nicht hier Wurzeln zu schlagen, denn sie spricht bis heute kein Deutsch, obwohl sie nun schon 16 Jahre hier lebt. Bekanntschaften werden nur innerhalb der türkischen Gemeinschaft gesucht. Dort gibt mn sich sehr konservativ. Eigentlich braucht man das Land, in dem man lebt gar nicht: Es gibt türkisches Fernsehen, türkische Läden, türkische Ärzte, Apotheker und Banken, ein türkisches Branchenbuch... eine eigene kleine Welt. Man kennt sich gut. Man beobachtet sich genau - es ist wie in einem Dorf. Alle treffen sich regelmäßig in der nahen Moschee. Wer möchte schon im Mittelpunkt von Klatsch und Tratsch stehen?
    Schließlich will man auch seine Kinder wieder gut verheiraten und das geht nur, wenn man sie vor den ungläubigen, westlichen Versuchungen fern hält.
    Alle Grundschullehrer kennen sicherlich das Phänomen, dass Kinder eingeschult werden und nur äußerst rudimentär die deutsche Sprache beherrschen, obwohl bereits die Eltern in Deutschland geboren sind.
    Mihri II wird nichts in ihrem Leben selbst entscheiden. Zuerst entscheidet der Vater, dann der Ehemann, der sorgfältig ausgesucht wird. Alles wird wie immer ablaufen, wie es schon immer abggelaufen ist.

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    1. Wie recht Sie haben. Was Sie beschreiben, ist bei uns in der Tat der Fall. Ich vermute einmal, Sie arbeiten in einer ähnlichen Umgebung wie wir.
      Allerdings verstehe ich Ihre Aussage "da man sich auf keiner Seite um wahre Integration bemüht" nicht. Wir bemühen uns.

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    2. Mangelnde Bemühungen werfe ich nicht den Schulen vor. Diese müssen eh schon oft Utopisches leisten, da man dorthin am besten Verantwortung abwälzen kann. Integration ist Aufgabe des Staates, wenn dieser dies ernsthaft will. Die Angelegenheit kostet Geld.
      Längst weiß man, dass Ghettobildung eines der Hauptübel ist, Trotzdem wird sie auch in der modernen Städteplanung munter weiter betrieben. Noch immer steckt die Kleinkinderbetreuung in den Kinderschuhen und stagniert, wenn die Wahlzeiten vorbei sind. Schön auch, dass die Kleinen anerkannterweise bei Mutti daheim bleiben dürfen. So werden Kinder ohne ein Wort der deutschen Sprache zu beherrschen eingeschult, auch wenn mindestens ein Elternteil in Deutschland aufgewachsen ist. Kritisiert man dies, gerät man schnell in den Ruch Kindern die kulturellen Wurzeln entziehen zu wollen. Vor allem verschließt man davor die Augen, dass ein Schulcampus nicht unbedingt ein Ort des friedvollen gemeinsamen Lernens ist sondern oft ein anonymer Massenbetrieb mit dem den Bürgern Bildungsgleichheit und Toleranz vorgegaukelt wird.

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