Dienstag, 13. April 2021

Tag 397 und Erlebnisbericht der Schulleiterfreundin

Lieber Hauptschulblues,

jetzt waren wir die Tage schon wieder beinahe eingeschneit. Trotzdem ein paar Notizen aus dem oberen Oberland. Wie geht`s Dir? Du bist ja das erste Mal geimpft!

Heute am Montag war es fast so wie ich schon befürchtet habe. Zunächst habe ich mich schon mit Lehrern auseinandergesetzt, die leider meine Schreiben nicht so genau gelesen haben (färbt halt von den Schülern ab). Diese suchten Wäscheklammern, Desinfektionsmittel oder Handschuhe. Tatsächlich kam die Lieferung von Handschuhen erst heute Nachmittag. Um 8 Uhr fand dann die Selbsttestung statt.

Dann klingelte schon fortlaufend das Telefon. Eine Mutter behauptete im ganzen Landkreis würde nur bei uns getestet, ihre anderen Kinder müssten den Unfug nicht mitmachen. Ihre Tochter sollte dann halt in den Distanzunterricht. Kurz vor den Osterferien sollte dieses Kind unbedingt in die Notbetreuung, da der Wechselunterricht nicht ausreiche würde, das unterstützte auch das Jugendamt. Um 13 Uhr rief die Mutter wieder an, da sie gemerkt hat, dass alle Schüler getestet werden. Das Mädchen kommt morgen wieder und testet sich. Da bin ich mal gespannt.

Dann rief ein Vater an. Sein Sohn sei sehr empfindlich in der Nase. Aha. Das Teststäbchen könne die Nerven schädigen und außerdem Nasenbluten verursachen. Was ich denn dann machen würde. Sofort den Notarzt holen, schlug ich vor. Schweigen. Meine Antwort wurde gänzlich ignoriert. Dann:
Mein Sohn macht den Test ganz allein? Natürlich. Woher hat er die Anleitung? Es gibt ein Infoblatt und ein Video. Soso. Der Sohn kam und machte den Test. Ihm geht es noch gut, es gab kein Nasenbluten.

Ein Erwachsener, der mir bislang ganz vernünftig vorkam, rief an und bezeichnete die Selbsttestung als "Körperverletzung". Er berief sich auf Thüringen, wo alles abgeschafft worden sei: Distanz, Maske, Testung. Vom Gericht! Meinen Einwand, dass wir hier in Bayern seien, wischte er vom Tisch. Ob ich mir überhaupt vorstellen könnte, welche schrecklichen Schäden allein durch ein Teststäbchen verursacht werden können? Du meine Güte, das sei doch so etwas Ähnliches wie ein Ohrenstäbchen. In Indien oder einem anderen Entwicklungsland produziert, kam die Antwort. Die Stäbchen müssten erst desinfiziert werden. Natürlich mit schwer giftigen Dämpfen, äußerst krebserrregend. Vorsichtig fragte ich nach, an welche Dämpfe er da denke. Das würde keine Rolle spielen. Dabei beließen wir es. Schade, da hätte ich gern nachgehakt. Es klopfte.

Vor der Tür stand eine Neuntklässlerin. Sie verweigerte vehement den Selbsttest. Das Gesicht rot und verheult. Einen Grund wollte oder konnte sie nicht nennen. Sie wolle sofort zu ihrem Kinderarzt. Dort würde sie einen Test machen. Wir ließen sie ziehen. Später rief die Mutter an, der Test beim Kinderarzt sei positiv ausgefallen. Während der gesamten Osterferien habe ihre Tochter ständig Gleichaltrige getroffen, habe bei anderen Jugendlichen übernachtet und sich an keinerlei Beschränkungen gehalten.

Morgen geht es vermutlich so ähnlich weiter. Im Wechselunterricht dürfen wir jetzt die zweite Hälfte erleben. Langweilig wird es auch morgen nicht.

Deine Schulleiterfreundin

Nachtrag Dienstagvormittag: Bisher ist es übrigens sehr ruhig. Gruß

 

1 Kommentar:

  1. Da bekommst du gerade einen Einblick, wie es an den Schulen dieser Tage zugeht, lieber Hauptschulblues. Als Lehrkraft bekommt man ja eigentlich alles nur gefiltert ab. Im Unterricht ist man ja mit Kindern zusammen, die bereitwillig kooperieren. Den ganzen Rest fängt zum Glück die Schulleitung ab. Ich sehe es immer wieder mit Bewunderung, wie unsere Chefs hier genau solche Telefonate, in denen Leute eigentlich nur gereizt und völlig unnachvollziehbar arguentieren (siehe dein Post!) einfach wertvolle Zeit stehlen, die man so viel besser nutzen könnte, um das Schiff Schule sinnvoll durch diesen Sturm zu manövrieren. Hoffen wir nur, dass diese Art des Miteinander-Redens nach Corona nicht weiter besteht.

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